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„Politik hat Kontrolle verloren“

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Vor 25 Jahren

 

 

 

 

 

wurde das Kölner Max-Planck-Institut gegründet.

Mit Direktor Jens Beckert sprach unsere Herr Beckert, vor 25 Jahren wurde in Köln das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung gegründet. Wie kam es dazu?

JENS BECKERT: Die Sozialwissenschaften hatten in den 60er, 70er Jahren einen enormen Aufschwung erlebt, und auch die Max-Planck-Gesellschaft engagierte sich zunehmend auf diesem Gebiet.

 

Anfang der 80er Jahre kamen dann die ersten Überlegungen auf, welche thematischen Schwerpunkte ein solches Institut haben könnte.

Welchen Weg ist die Forschung in diesen 25 Jahren gegangen?

BECKERT: In den ersten Jahren hat das Institut sich vor allem mit der Frage beschäftigt, inwiefern sich eine Gesellschaft politisch steuern lässt.

Das mag sich heute naiv anhören, aber in der Planungseuphorie der 60er Jahre ging man von dieser Möglichkeit aus.

Inzwischen weiß man, dass eine Gesellschaft viel zu komplex ist, um sich durch ein politisches Design lenken zu lassen. Nicht zuletzt die Krise des vergangenen Jahres hat uns das deutlich vor Augen geführt.

Inzwischen beschäftigen wir uns vorwiegend mit ökonomischen und wirtschaftlichen Fragen aus der Perspektive der Soziologie und der Politikwissenschaften.

Eine bemerkenswerte Themenverschiebung....

BECKERT: Eine naheliegende. Wenn man die gesellschaftliche Entwicklung der letzten 30 Jahre verfolgt, dann sieht man, dass sich die Ordnung von Gesellschaft immer stärker auf die Ökonomie bzw. auf Märkte verlagert hat.

Die Liberalisierung der Märkte hat dazu geführt, dass der Staat zunehmend seine Einflussmöglichkeiten auf die Wirtschaft verliert und gleichzeitig die Bedeutung von Ökonomie stärker wird.

Darauf haben wir uns eingestellt und die Wirtschaft selbst zu einem Forschungsgegenstand an unserem Institut gemacht.

Wie gehen Sie vor?

BECKERT: Wir fragen nach den sozialen Voraussetzungen, unter denen Märkte funktionieren können. Welche Rolle spielt beispielsweise das Vertrauen.

Nehmen wir die Finanzkrise des vergangenen Jahres!

Die Märkte sind unter anderem auch deshalb zusammengebrochen, weil die Akteure, die Banken, einander nicht mehr vertraut haben. Es war für sie nicht mehr ersichtlich, welchen Wert die in den Büchern stehenden Wertpapiere tatsächlich hatten.

So konnten sie auch nicht sicher sein, dass eine Bank das geliehene Geld wieder zurückzahlen würde.

Wenn ein solch elementarer Vertrauensverlust eintritt, ist niemand mehr bereit, Geld zu verleihen.

Sie sagen, die Politik habe den Einfluss auf die Wirtschaft verloren. Hat sie sich das Heft aus der Hand nehmen lassen?

BECKERT: Die Wirtschaft hat in den letzten beiden Jahrzehnten enorm an Flexibilität und an Macht gewonnen, was unter anderem mit der Globalisierung zu tun hat.

Die Firmen können sich aussuchen, wo sie investieren - ob in NRW, in Polen oder in Schanghai.

Die Politik hat damit in hohem Maße die Kontrolle über das Wirtschaftssystem verloren. Auch das war im vergangenen Jahr sehr gut zu beobachten.

Die Bankenindustrie konnte die Politik regelrecht erpressen: Entweder ihr spannt diesen Rettungsschirm für uns auf, oder wir gehen Pleite und alles wird noch viel, viel schlimmer.

Wie kann die Politik die verlorene Macht zurückgewinnen?

BECKERT: Ich fürchte, im Moment gibt es kaum Rezepte zur Korrektur, die sich auch politisch umsetzen lassen.

Das ist insofern fatal, als die Finanzkrise gezeigt hat, dass die Ökonomie der politischen Regulation bedarf, auch, um ihre eigene Funktionsfähigkeit zu bewahren.

Was wir erlebt haben, ist ein komplettes Versagen des Finanzmarktes.

Er war in wichtigen Bereichen kaum kontrolliert und ist damit in eine Spirale immer stärkerer Risikoneigung hineingeraten. Nur durch eine Regulierung der Akteure können solche Entwicklungen zumindest eingedämmt werden.

Das heißt: Wenn jetzt nicht eingegriffen wird, kann so etwas noch einmal passieren.

Nur wird der Staat dann noch wesentlich höher verschuldet sein.

Wenn er nicht mehr das Geld hat, um Banken zu retten und Arbeitslosigkeit durch Kurzarbeit niedrig zu halten, müssen wir mit sozialen Auswirkungen rechnen, die sich niemand ausmalen möchte

Ist die Wirtschaft der alleinige Machtfaktor in der Gesellschaft?

BECKERT: Die Wirtschaft hat sicher einen sehr großen Einfluss, aber es wäre falsch zu sagen, alles sei der Logik des wirtschaftlichen Handelns untergeordnet.

Nehmen Sie die Familien. Familien operieren nach einer Logik der Solidarität.

Wir haben in unserer Gesellschaft somit normative Wertvorstellungen, die sich nicht einfach in ökonomische Effizienzanforderungen übersetzen lassen.

Wir sind interessiert an sozialer Gerechtigkeit; wir haben die Kirchen mit ihren religiösen Wertvorstellungen.

Wenn wir moderne Gesellschaften verstehen wollen, müssen wir wissen, dass wir es mit einem Konflikt von unterschiedlichen Wertordnungen zu tun haben.

Ökonomische Anforderungen der Effizienz versus Gerechtigkeits- und Solidaritätsanforderungen, die aus der Familien- und der Arbeitnehmerszene in die Gesellschaft kommen.

Nicht nur Pessimisten beklagen den Werteverfall. Auf welche Werte können wir noch setzen?

BECKERT: Es gibt diese Bereiche der Solidarität, der anderen Logiken, die sich gegen eine Ökonomisierung der Gesellschaft wehren.

Ich sehe jedoch auch, dass es diesen Bereichen zunehmend schwerer gemacht wird, sich gegen die Anforderungen der Ökonomie zu behaupten.

Früher war also alles besser?

BECKERT: Es war insofern besser, als es mehr Sicherheit gab.

Aber wir können diese ökonomische Entwicklung auch als Freiheitsgewinn betrachten.

Teilweise beruht unser heutiger Wohlstand auf den Veränderungen der letzten 30 Jahre.

Nur - wir zahlen eben auch seinen Preis dafür.

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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 08. Dezember 2009 um 12:09 Uhr  

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