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Zwischen die Linken und den Kapitalismus geht heute kein Blatt mehr

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Wie aus sozialistischen Blütenträumen der Albtraum des totalen Kapitalismus wurde.

 

Es ist nie zu spät, sein Leben zu rekapitulieren, was nicht unbedingt eine Spezialität der „Alt-Achtundsechziger“ ist. Die meisten, die in Interviews und Talkshows auftreten, seien es Karl Heinz Dellwo (über den hier schon berichtet wurde) oder Reiner Langhans (kürzlich bei „Hart aber Fair“) verweigern eine Anpassung ihrer ursprünglichen gesellschaftstheoretischen Positionen an die heutige Zeit. So meinte Langhans kürzlich auf die Frage, ob er die Position, die Kleinfamilie sei der Hort des Faschismus inzwischen revidiert habe, kurz und bündig. „Nein.“

Den liberalen Linken, die heute die entscheidende Rolle im medialen Betrieb des Westens spielen, fällt es schon leichter Extrempositionen der Alt-Achtundsechziger zu revidieren. Von Joschka Fischer bis Otto Schilly fällt die Revision teilweise sogar sehr extrem aus. Ob Fischer nun den ursprünglichen Pazifismus von großen Teilen der Grünen in den Balkankriegen gewendet oder Schilly das Gewaltmonopol des Staates als Innenminister, wie fast kein Zweiter betont hat, die Alt-Achtundsechziger sind heute keine homogene Gruppe mehr.

Dennoch haben alle, die Entwicklung vom Aufbruch in den Sechzigern zum heutigen „Ist-Stand“ miterlebt und niemand kann behaupten, dass diese Bewegung bei ihm oder ihr keine Spuren hinterlassen hat.

Ich persönlich erinnere mich an zwei Entwicklungsmerkmale linker Kultur und Subkultur, die mich über die gesamten letzten Jahrzehnte verfolgt und zugleich gestört haben.

Der Kapitalismus hat auch seine linken Kinder gefressen

Das eine war die dogmatische Rechthaberei, die den meisten überzeugten Linken immer anhaftete und das andere war die ungeheure Flexibilität, mit der der Kapitalismus in den letzten 50 Jahren linke Emanzipationsbewegungen zur ökonomischen Verwertbarkeit geführt hat.

Hauptmerkmal dieser Flexibilität war für mich immer die Werbung. Das Marketing der großen B-to-C Unternehmen, der Hersteller von Konsumprodukten also, bemühte sich bereits in den Siebzigern Hip zu sein und sprach seine jungen Zielgruppen entsprechend  an. Die Marke Langnese (Neste´) hat es dabei sogar in die Kinosäle geschafft und äußerst beliebte Vorfilme kreiert, die gern gesehen wurden, weil sie den unbeschwerten linken Lebensstil mit einem Hauch von Anarchie und natürlich eine Langnese-Eis ziemlich witzig rüberbrachten. Ähnlich Coca-Cola, Mc Donalds und ab den Achtzigern die Sportartikelhersteller, wie Addidas, Puma und vor allem Nike.

Das war wohl die entscheidende Phase in der sich der linke Zeitgeist nachhaltig vom Kapitalismus korrumpieren (man könnte auch sagen „kaufen“) ließ.

Verkauft wurde zu diesem Zweck der linke Zeitgeist, emanzipierte Frauen, Schwule, Farbige aller Art mit Eis am Stil, auf lockeren Marken-Turnschuhen, bevorzugt an irgendwelchen karibischen Stränden aufgenommen, unterlegt mit der aktuellen musikalischen Subkultur, die natürlich keine Subkultur mehr war. Denn die Musik der linken Subkulturen ist als erstes kommerzialisiert worden.

Die Tatsache, dass links als progressiv galt, bedeutete auch, dass alles Neue idealisiert wurde, eine ideale Ausgangsbasis für die Kommerzialisierung unseres Daseins. Widerstand und Reaktanz bildeten sich nur, wenn konservative Inhalte in der Werbung auftauchten (Beispiel: Die Lenor-Mutti mit dem schlechten Gewissen und die Werbung eines Mineralöl-Konzerns: „Es gibt viel zu tun, packen wir es an!“) Das waren wohl die meist-verspotteten Spots der Siebziger.

Ab den Achtzigern war dann Depression angesagt. Die linke Subkultur spaltete sich auf in die Null-Bock-Generation (die so schöne Dinge wie die Punk-Kultur hervorgebracht hat) und die Generation Golf, für die alles Progressive akzeptabel war, wenn es mit genug Spaß und einer Steigerung des Wohlstandes einherging.

Die ehemals politisch linke Jugend ging zu guten Teilen in den Grünen auf, was bei der damaligen Situation unserer Umwelt auch angemessen war und zu der Zeit noch den linken Pazifismus einschloss. Vom Pazifismus ist bei den Grünen allerdings nichts mehr übrig, Sie sind heute die Kriegstreiber der Nation.

In den Neunzigern gab es dann noch ein bisschen Attac gegen die Globalisierung, die meines Wissens von links kam und sich damals vor allem gegen den unfairen Handel mit Entwicklungsländern richtete. Dazu kam die Kritik am Finanzkapitalismus und, seit dem Ende der Neunziger, am Neoliberalismus also an den Prinzipien der unregulierten Märkte.

Seit die Schwellenländer ihr wirtschaftliches und politisches Potential zeigen, hört man allerdings von der linken Globalisierungskritik nicht mehr so viel. Insbesondere die Verknüpfung von Kapitalismus und kommunistischer Zentralregierung in China und das Erstarken Russlands als Großmacht, haben wohl bei vielen ein Umdenken bewirkt.

Heute wird auch in weiten Teilen des linken Spektrums der internationale Finanzkapitalismus als Waffe gegen die „undemokratischen“ Mächte des Ostens (Russland und China) akzeptiert. Die ehemalige Sphäre des real existierenden Sozialismus wird auch im linken Spektrum als neuer Gegner akzeptiert. Ganz vergessen wurden die sozialistischen Träume, mit denen man damals sehnsuchtsvoll gen Osten geschaut hat.

Man kann sagen, dass der Kapitalismus seit den Siebzigern alle seine abtrünnigen Kinder mit Bravour wieder eingefangen hat. Von Sozialismus war spätestens seit den Achtzigern nicht mehr die Rede und seit den Neunzigern, nach dem Mauerfall, ist der Begriff sogar bei den meisten Linken verpönt.

Freiheit und Individualismus sind heute die merkantilen Grundwerte bei denen sich Kapitalismus und der linke Liberalismus in idealer Weise getroffen haben.

Zwischen die Linken und den Kapitalismus geht heute keine Blatt mehr.

Vielleicht müssen die Alt-Achtundsechziger, die heute noch dogmatisch auftreten, tatsächlich so starr sein, wie Reiner Langhans, weil sie Links eben nicht als, längst pervertierten, Modebegriff verstehen wollen. Abgrenzung tut not.

Die Abgrenzung gegen die durchökonomisierte Gesellschaft kommt heute von rechts

In den letzten Jahren haben sich in Europa zunehmend rechte Kritiker der Globalisierung in Stellung gebracht. Das war nach dem Versagen der sozialistischen Parteien gegenüber dem globalisierten Finanzkapitalismus in Folge der Bankenkrise 2008 und der Eurokrise 2012 auch nicht anders zu erwarten.

Auch der neue sozialdemokratische Neoliberalismus von Blair und Schröder hat den Begriff Sozialismus noch einmal auf ganz unerwartete Weise diskreditiert. Die Sozialdemokraten setzten dabei die schärfsten marktliberalen Reformen durch, die Deutschland und England je gesehen hatten. England wurde daraufhin zum Finanzmarktzentrum in Europa und Deutschland zum industriellen Konjunkturmotor in der EU.

Man kann das sehen, wie man will, aber es war klar, dass Globalisierungskritik von links danach unmöglich wurde, wenn man von einer wirksamen und breiten Kritik ausgeht, die den Finanzmarktkapitalismus wirklich treffen kann.

Abhilfe, ob es einem gefällt oder nicht, bietet seitdem der Gegentrend zur Globalisierung, der Nationalismus mit seinen teilweise berechtigten und teilweise auch kruden gesellschaftlichen Positionen.

Der natürliche Gegenspieler des Internationalismus ist nun mal der Nationalismus, der sich zunehmend den Interessen der Globalisierungsverlierer annimmt.

Damit erreichen nationalistisch orientiert Parteien überall in Europa mindestens ein Drittel der Wählerschaft, wenn diese nicht durch andere konservative Parteien okkupiert sind. Das berühmte abgehängte Drittel der Gesellschaften wird nun zur Opposition gegen die politische Symbiose, die aus dem ehemals linken Spektrum der Gesellschaften und dem globalisierten Kapitalismus besteht.

Wenn Merkel und Macron zwar dem linken politischen Spektrum zugeordnet werden und gleichzeitig die Globalisierung in ihrer derzeitigen Form als alternativlos betrachten, kennzeichnen sie diese politische Symbiose zwischen linkem Zeitgeist und Kapitalismus.

Opposition kann, wenn überhaupt, nur noch von rechts kommen. Überdies gibt es hier genug konservative Ansatzpunkte. Die Zerrüttung und Zerstörung der Familie, das Abgleiten in moralische Beliebigkeit, die Zersetzung der Gesellschaft durch ungesteuerte Zuwanderung und die schleichende Vernichtung ländlicher Lebensformen im Rahmen der allgegenwärtigen Urbanisierung. Alles keine Themen mehr, die von Linken wirkungsvoll kritisiert werden.

Wenn also die ehemals Linken und diejenigen, die heute dem linken Spektrum zugeordnet werden, den Kapitalismus derart verinnerlicht haben, dass sie zu seiner zerstörerischen Wirkung keine Alternativen mehr denken können, dann sind jetzt eben die Rechten am Zug.

Derzeit überall in Europa zu besichtigen!

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 01. August 2018 um 20:23 Uhr  

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