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Gefährlichkeit der Geheimdienste - Julian Assange untertreibt!

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Analyse eines Arte-Interviews mit Julian Assange vom April 2016

Müde sieht er aus.

Die Augen feucht, das Gesicht blass, die Körperhaltung weist auf Erschöpfung hin.

Die jahrelange „Pseudo-Haft“ in die ihn die schwedische und britische Justiz in der ecuadorianischen Botschaft gezwungen haben, hat an dem Wikileaks-Gründer genagt. Das ist unverkennbar.

Assange aber spricht nicht von Depression, sondern von Wut, die er empfindet, wenn er an seine jetzige Lage denkt.

Aber er wisse, dass er einen Preis zahlen müsse und dies sei eben sein Preis.

Assange darf unkommentiert (ohne diskreditierende Kommentare) wohl nicht gesendet werden

Das Arte-Interview, das von zwei Journalisten geführt wurde, scheint nur auszugsweise veröffentlicht worden zu sein, die Gesprächspassagen sind stark überarbeitet und durch zeichnerische und verbale Kommentare immer wieder relativiert worden.

Assange in ungekürzter Form und ohne Richtigstellungen im öffentlich rechtlichen Sinne, scheint weiterhin sogar für anspruchsvolle Zuschauer, die man bei Arte vermuten darf, nicht zumutbar zu sein?

Solche pädagogisch zensierten Interviews erinnern mich ein bisschen an die ARD-Interviews bei den Tagesthemen, die mit Wladimir Putin anlässlich des Georgien-Krieges geführt wurden.

Ungekürzt wollte man den russischen Präsidenten denn doch nicht zu Wort kommen lassen.

Die journalistische Pflicht schien darin zu bestehen, niemandem die Chance zu geben, sich vom russischen Präsidenten überzeugen zu lassen.

Am Ende war es doch der Präsident, der Recht behielt und die öffentlich rechtlichen Medien in Deutschland, die ziemlich leise wurden, als sich zweifelsfrei herausstellte, dass der georgische Präsident den Krieg vom Zaun brach und die Russen nur reagierten (wie so oft.)

Über Assange wird berichtet und zugleich wird er medial neutralisiert

Auch bei Assange wirkt es immer wieder so, dass man sich von ihm nicht überzeugen lassen darf, wenn man in den Medien weiterhin journalistisch ernst genommen werden will.

Die allgemein akzeptierte Deutung dieser Persönlichkeit, es handele sich um einen Verschwörungstheoretiker mit außerordentlich guten Quellen darf nicht konterkariert werden.

Sie stellt eine dichotome Legitimation für die Medien dar. Einerseits ist sie Grund ihn immer wieder zu interviewen und andererseits eine Art Zwang, ihm nicht zu glauben.

Assange, das erkennt man auch in diesem Interview, ist medial derzeit neutralisiert, anscheinend ohne, dass in den großen Medienhäusern Europas darüber nachgedacht wird, warum man Leuten, die so viele Fakten auf den Tisch gelegt haben, nicht glauben darf?

Assanges Einschätzungen zu den Geheimdienste sind zu diskutieren

Dennoch ist das Interview wertvoll, weil es in komprimierter Form die Positionen des Whistleblowers zur Macht der Geheimdienste, insbesondere der amerikanischen Geheimdienste schlüssig darstellt.

Zu diskutieren sind diese Positionen aber dennoch. Assange stellt dar, in welchem Ausmaß europäische Regierungen, hier die französischen Regierungen, von Informationen amerikanischer Geheimdienste abhängig sind.

Die Drohung der Amerikaner, europäische Regierungen, die sich gegen die Bespitzelung durch die NSA wehren, nicht mehr mit Informationen, beispielsweise zur Terrorabwehr zu beliefern, ist allerdings nicht belegt.

Außerdem ist fraglich, wie wertvoll solche Informationen für die Europäer sind.

Assange stellt an anderer Stelle des Interviews dar, wie uneffektiv auch amerikanische Geheimdienste beispielsweise bei der versuchten Festsetzung von Edward Snowden agiert haben.

Er ist davon überzeugt, dass die Geheimhaltung von Informationen, welche die eigentliche Macht der Geheimdienste überall auf der Welt begründet, zugleich das Qualitätsproblem dieser Nachrichtendienste darstellt.

Niemand weiß, welche Qualität die Informationen amerikanischer, britischer oder französischer und deutscher Geheimdienste haben, weil sich die Quellen, die Zuverlässigkeit der Informationen und die daraus abgeleiteten Diagnosen nicht überprüfen lassen.

Der Irakkrieg von George W.Bush dürfte ein gutes Beispiel dafür darstellen.

Hier wurde eine katastrophale Entscheidung auf Grund falscher Informationen getroffen, die den arabischen Weltenbrand, den wir heute erleben, erst ermöglicht hat.

Der IS entstand als direkte Folge der Besetzung des Iraks durch die so genannte „Koalition der Willigen“.

Hier hat Assange sicher ins Schwarze getroffen, schätzt aber möglicherweise die Lernfähigkeit der Geheimdienste falsch ein.

Die amerikanische Regierung hat durchaus veritable Gründe, an der Offensivstrategie von NSA und CIA festzuhalten, weil sie dabei ist, eine quasi absolute Kontrolle über weltweite Datenströme zu bekommen.

In der Welt von Morgen (auch schon heute) ist dies ein entscheidender Machtfaktor neben der militärischen und wirtschaftlichen Stärke.

Die kognitive Revolution findet nicht in der Breite der westlichen Gesellschaften statt, sondern in den Geheim- und Nachrichtendiensten

Die strukturelle Unfähigkeit zur Kompetenz sollte man den amerikanischen Geheimdiensten ebenfalls nicht unterstellen, auch wenn sie an vielen Stellen versagt und an ebenso vielen Stellen einfach gelogen haben.

Als Beispiel kann man die so genannte „Kognitive Revolution“ anführen, die vor etwa zehn Jahren von amerikanischen Psychologen, Neurowissenschaftlern und Informatikern quasi deklariert wurde.

Hintergrund sind die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse in der kognitiven Psychologie, die menschliches Denken, Planen und Entscheiden mit seinen immanenten Fehlerquellen zu guten Teilen aufgeklärt haben.

Vor allem in Amerika entstand daraus eine kleine, aber feine Bewegung, die das kritische Denken gegenüber den eigenen Denk- und Entscheidungsschablonen fördern will.

Ein Unternehmen, das bisher noch nicht einmal bei den Schulen und Universitäten in den USA angekommen ist, geschweige denn in Europa.

Das kalifornische “Institute of Critical Thinking”, das sich ein Verbreitung metakognitiver Fähigkeiten über das amerikanische Bildungssystem zum Ziel gesetzt hat, steckt seit zehn Jahren in den Anfängen und ist nicht sehr erfolgreich.

Eine kognitive Revolution sieht anders aus!

Die kritische Analyse von Denk- und Entscheidungsprozessen ist allerdings längst im Pentagon und beim CIA angekommen.

Das Pentagon unterhält eine Forschungsabteilung in welcher der renommierte Kognitionspsychologe, Gary Klein, Konzepte der schnellen Mustererkennung (Recognition Primed Decision Making) in militärstrategische Anwendungen umsetzt.

Für die CIA ist Richards J.Heuers Konzept, „Psychology of Intelligence Analysis“, das bereits 1999 eine brillante Zusammenfassung der kognitiven Psychologie speziell für die Nachrichtendienste lieferte, der Stand der Dinge, der immer weiter entwickelt wird.

Wie man auf den öffentlich zugänglichen Seiten der CIA auch ohne Mühe erkennen kann.

CIA und NSA sind wesentlich gefährlicher, als Assange dies darstellt

Im Unterschied zu Assanges Einschätzung der Geheimdienste als gleichsam blinde und inkompetente Datenkraken, kann man zumindest die amerikanischen Dienste auch als absolut elitäre Vorreiter einer neuen metakognitiven Denkweise betrachten.

Das allerdings macht sie wesentlich gefährlicher, als Julian Assange dies in dem zwanzigminütigen Arte-Interview suggeriert.

Eine Kritik an der Einschätzung des Wikileaks-Gründers, die ihm an dieser Stelle Verharmlosung vorwirft, erscheint angesichts der allgemeinen Darstellungen des Whistleblowers als paranoider Verschwörungstheoretiker, paradox.

Dennoch ist davon auszugehen, dass Julian Assange in der Darstellung der Macht amerikanischer Geheimdienste schlicht und einfach untertreibt.

Eine fatale Korrektur, die endlich in der Öffentlichkeit ankommen müsste.

Allerdings ist diese so gewaltig und niederschmetternd, dass sich wohl kein Leitmedium finden wird, dass diese Korrektur bereitwillig auf seine Schultern nimmt.

Der Beitrag kann in meinem Blog diskutiert werden: http://presselinks.gedaechtnisbuero.de/gefaehrlichkeit-der-geheimdienste-assange-untertreibt/

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 05. Juni 2016 um 01:44 Uhr  

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