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Teil 70 "Das doppelte Lottchen"

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Das doppelte Lottchen.

Denn es waren Schwestern, die ältere trug den Vornamen Charlotte und die jüngere den Vornamen Lise- Lotte, mit denen sollte ich mein erstes Interview führen.

Zuvor allerdings hämmerte man mir ein, wie man erfolgreich Interviews zum Thema führen sollte, etwas nervös war ich allerdings schon, denn das war ein weiterer Schritt.

Die Adresse der Schwestern hatte ich ermittelt, es mussten die Ehefrauen der Waldarbeiter von damals sein, denn ersten Kontakt nahm ich wie vorgegeben brieflich auf, bekam überraschend schnell Antwort mit einer Telefon- Nummer.

Diese Einladung nahm ich an, mich erwartete eine recht lebensfrohe und aufgeschlossene Frau vielleicht etwas älter als 65 Jahre.

Die kam aber direkt zum Thema, denn sie wunderte sich, dass erst jetzt Jemand sie interviewen möchte.

Sie war mittlerweile im Ruhestand und bereits mehrere Jahre Witwe, ein Leben voller Arbeit geführt- in ihrem Leben habe sie nichts zu verbergen.

Dann erzählte sie mir, begann aber mit der Gegenwart, bereits ein paar Jahre teilte sie nun diese kleine Wohnung hier mit ihrer Schwester.

Sie wäre wieder im Westen der Republik unweit ihrer Heimatstadt zurückgekommen und jetzt hätte ihr Leben einen anderen Sinn, sie wollte mit ihrer Schwester noch einiges erleben.

Danach sprach sie über ihre Pläne, beide wollten mal Urlaub dort verbringen- wovon sie immer träumten.

Auf meine Frage, wo sie zuletzt gearbeitet habe, antwortete sie- „vielleicht ungewollt 5 Jahre ununterbrochen von 1960 bis 1965 als Kettlerin in einer Strumpffabrik in Siemensstadt.“

Mit 64 Jahren wäre sie in Rente gegangen und 18 Monaten danach umgezogen, ihre Zeit in Berlin wäre schön gewesen und sie habe die Großstadt genossen.

„Kennen Sie das Resi, das Tanzlokal in der Hasenheide mit den Tischtelefonen und der Wasserorgel?“

Natürlich kannte ich das nicht, nur sie war dort des Öfteren mit einigen Kolleginnen und nicht nur das.

Diese 5 Jahre in Berlin gaben ihr wieder Mut und Anerkennung, denn ihr Mann sei Anfang 1959 verstorben.

Er sei gestorben an der heimtückischen Krankheit, die man die Wismut- Krankheit nennt.

Ich wusste bereits, diese Wismut- Krankheit gibt es um Aue und das wiederum lag am Uranbergbau als ich den Ort „Aue“ nannte, nickte sie.

Fast 10 Jahre war ihr Mann dort Bergmann und sie wohnten sorgenfrei in einer Siedlung.

Das musste dann von 1949 bis 1959 gewesen sein, „in etwa“ antwortete sie.

Das war aber eine Zeit, die sie nicht vermissen möchte, denn endlich wurde man beachtet und bedacht, das sagte sie mir und lobte die Gemeinschaft sowie das kulturelle Angebot und die besonderen Zuteilungen.

„Man sah sich in besseren Zeiten“- und das untermauerte sie, ohne dabei die Staatspartei zu erwähnen.

Es war nicht nur das Siedlungshaus sondern auch stets der Urlaub ohne Sorgen vom Rennsteig bis Zinnowitz.

Zudem sprach sie von Leipzig, die Stadt der Internationalen Messe – da habe sie das gesehen, was man sonst nie sah.

Das allerdings hatte ein Ende als ihr Mann verstarb, dort habe sie nur noch die Volkssolidarität gehabt und für diese Treffen sei sie noch zu jung gewesen, sie wäre die Ehefrau eines Bergmanns gewesen.

Ihre Schwester sei damals mal zu Besuch gewesen und da habe sie den Plan geschmiedet, nur ihre Ausreiseanträge wollte niemand aus ihrem Bekanntenkreis ernst nehmen.

Da hätte sie sich an einen Pfarrer gewandt, der hätte etwas über die Rentner- Ausreisen gewusst.

Mehr nicht, was blieb ihr übrig als den Weg mit der S- Bahn zu nehmen?

Ich war nun neugierig und fragte, wie kamen sie nach Aue?- „ Junger Mann, diese Frage stellte uns 1949 der Zeitungsreporter in Aue auch.“

Damals habe sie dem etwas vom besseren Leben im anderen Deutschland erzählt und der habe es geglaubt.

Darüber hätte sie einige Male nachgedacht, nur das war nicht ungewöhnlich und Anfangs hätten in ihrer Siedlung einige Bergmänner gewohnt, die aus den zerstörten Städten des Ruhrgebiets stammten.

Bereits Ende 1948 wäre sie mit ihrem Mann in ein Gewerkschaftsferienlager bei Halberstadt gewesen, man habe dort geworben.

Was sollte sie halten im Westen des Landes in Halbruinen, ihr Mann sei 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückgekommen, in eine zerstörte Stadt.

Bis Mitte 1943 sei er Bergmann gewesen, nach Stalingrad sei einiges anders gewesen.

Das habe sie gesehen, all die Kolonnen von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen, die man durch die Straßen direkt zur Arbeit in die Gruben führte.

Ihr Mann habe ihr einmal gesagt, „ das ist unmenschlich und ich kann das nicht mehr mit ansehen – da werde ich lieber Soldat.“

Anfang 1944 habe sie sich nicht gewundert, ihre Wohnung brannte lichterloh- endlich weg und sie sei zu ihrer Schwester gezogen.

In der Wohnung lebten nicht nur ihre Kinder sondern auch noch die Großmutter, für ihren Mann war der Krieg bereits beendet, der war bereits Ende 1943 in britische Gefangenschaft geraten.

„Ja“ sagte sie, „ ich war eine Bergmannsfrau“, ihr Mann wurde bereits 1934 Bergmann, da wäre er knapp 31 Jahre alt gewesen. – Zuvor war er fast 2 Jahre arbeitslos, das hätte nicht nur am Arbeitgeber gelegen sondern in der Firma habe ein Nazi als Meister den Ton angegeben.

Das stimmte zwar mit meinen Unterlagen zeitlich nicht ganz so, entsprach aber den Notizen.

Geheiratet habe sie im Jahre 1926, da sollte es noch einen Zusammenhang im Betrieb gegeben haben.

Was sie darunter verstand erfuhr ich etwas später als ich die Chronik der Firma durchging.

Über sich sagte sie nur folgendes, mit 15 Jahren fing sie als Jungnäherin an, direkt an der Maschine- die große Zeit der Reißverschlüsse.

Da erfuhr ich mehr, dieser Reißverschluss wie wir ihn heute noch kennen, war die Erfindung im 1. Weltkrieg.

Mehr Geld habe sie dann als Stickerin in einer Jutesackfabrik bekommen, die wiederum benötigte man als die Weidenkörbe zu teuer wurden.

Endlich im Jahre 1935 habe sie aufgehört, die Nazis hatten jene Parole „eine deutsche Frau gehört nicht in die Fabrik“, nur 7 Jahre später galt denen ihre Parole nicht mehr.

Ende 1942 habe sie eine Arbeitsaufforderung bekommen, eine Arbeit in der Wäscherei eines Krankenhauses, „ja“- sagte sie „ am 1. Juni 1945 sollte ihre Ausbildung zur NS- Hilfskrankenschwester beginnen“. Die planten bereits über ihren Endsieg hinaus und dabei kniff sie mir ein Auge zu.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 23. August 2015 um 03:16 Uhr  

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