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Teil 69 "Ein Relikt aus fernen Zeiten"

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Ein Relikt aus fernen Zeiten, was wiederum andere als notwendig ansahen und in Arbeiterfamilien gängig war, nannte man Kostgeld.

Dieser Begriff tauchte sofort auf und war bis in die 70er Bestandteil der Haushaltsführung der Familien in der Bundesrepublik.

Um das einmal zu erläutern muss man in die Historie einsteigen, denn für viele Familien war das Kostgeld, was man von mitverdienenden Kindern im Haushalt verlangte eine Wiedergutmachung der Kinder an ihre Eltern.

An und für sich ist das wiederum eine ganz irre Sache, denn hatten die Kinder in frühen Jahren eine Lehre beendet wurden sie von den eigenen Eltern zur Kasse gebeten.

Dadurch konzentrierte man den ersten Schritt in die Arbeitsbiografie ziemlich konsequent auf das Geldverdienen.

In unserer Studiengemeinschaft entfachte das wiederum eine Diskussion, unter uns waren allerdings einige die aus dem Ostteil unseres Vaterlandes kamen und jetzt die Freiheit des Westens genossen.

Bei denen war es ebenso, nur hatte man hier das Wort „Kostgeld“ ersetzt durch das Wort „Wirtschaftsgeld“.

Man beherrschte also eine gesamtdeutsche Untugend bei den Kindern im Haushalt monatlich zu kassieren.

Was allerdings bei unseren ausländischen Studenten unbekannt war, denen mussten wir erst erklären wie dieser Finanzierungspakt sich zusammensetzte.

Ebenso war dieser Pakt gar nicht nur auf Arbeiterkinder beschränkt, sondern generell waren die Ausnahmen bei denen Eltern die monatlich rechnen mussten größer als bei denen die mehr Geld zur Verfügung hatten.

Wozu man eigentlich dieses Geld benötigte, kann man historisch erläutern.

In den Großfamilien im Kaiserreich hatte nicht nur der Adel etliche Zimmer und eine Vielzahl von Kindern sondern nach einer Weile auch Leerstand.

Damit machte man das Geschäft mittels der Einquartierung von ledigen Offizieren oder Studenten.

Das Bürgertum zog nach und aus manchem Kinderzimmer wurde das erste gemeinsame Zimmer einer jungen Familie und die bat man zur Kasse.

Zogen die nach einer gewissen Zeit in ihre eigene Wohnung, vermietete man diesen Raum zur Untermiete weiter. In den Arbeiterfamilien ging es um das Überleben und da war jede Mark willkommen.

Das übertrug man unfreiwillig in die Republik und in den sog. goldenen zwanziger Jahren war das ein fester Bestandteil der monatlichen Einnahmen.

Jetzt kommen dazu der soziale Aspekt und die gesellschaftliche Situation in den Zeiten der Massenarbeitslosigkeit.

Um sich davon ein Bild zu machen, gibt es den Kultfilm zu dem Bert Brecht das Lied schrieb.

Den Film sahen wir, „Kuhle Wampe“ und da kommt der andere Aspekt hinzu, die Welt des Arbeiters im Kleingarten.

Wer das allerdings immer noch nicht versteht, der sollte sich den zweiten Kultfilm ansehen „ Ernst Thälmann- Sohn seiner Klasse“, da geht es um Hamburg in den Hungerjahren.

An einem Nachmittag in trauter Runde kamen wir auf Erich Kästner, der treffgenau mit seinem Roman „Fabian“ oder das Leben eines Moralisten das Leben in einer niedergehenden Demokratie beschreibt.

Ob man nur diese Diskussion von damals von politisch rechts oder links betrachtet, grundsächlich galt eins- mit etwas mehr Geld in der Haushaltskasse erwartete man bessere Zeiten.

Im Enddefekt aber nutzte man eine Situation der Schwächeren aus und das galt wiederum nach dem Krieg für Ost und West.

Es gab eine Regel innerhalb der Familien, das Kostgeld musste 3 x so hoch sein wie die Miete im Monat.

Setzt man das in Zahlen, so betrug die durchschnittliche Monatsmiete in der Bundesrepublik im Jahre 1960 zw. 80 und 120 DM pro Monat, man erwartete also ein Kostgeld pro Kind was eigenes Geld verdiente und im Haushalt noch wohnte von min. 200 DM im Monat.

Bei einem durchschnittlichen Lohn von unter 500 DM netto, da blieb also fast nicht mehr viel übrig.

Das ganze wurde noch untermauert, einer unserer Dozenten hatte das Interview aus der Fürther Zeitung aus dem Jahr 1964 mit der Frau des Fussballweltmeisters Karl May von 1954 aufgehoben.

Frau May berichtete dort wie sie in jungen Jahren den Karl kennenlernte, der lernte den Beruf eines Metzgers in Fürth und war in der Familie des Meisters mit Kost und Bett, übrig blieb da nur ein Taschengeld.

Uns war mittlerweile verständlich, dass diese vielleicht willkürliche Belastung der Hemmschuh für viele aus diesen Generationen in die Berufswelt war.

Damit schloss sich also der Kreis, dass die Arbeitsbiografie des Menschen geprägt wird durch den Teil der Lebensbiografie die vor dem ersten Verdienst steht.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 20. August 2015 um 03:04 Uhr  

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