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Wie wirken Waffen auf unser Gehirn?

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Essay

In Konflikten reduzieren Waffen scheinbar Komplexität, reduzieren aber die Intelligenz von Gruppen.

Unsere Gordischen Knoten können jedoch nicht durchschlagen werden!

Ich gebe zu, dass ich mit „Western“ aufgewachsen bin.

Zauberwort meiner Kindheit war „zieh“ und ich weiß noch, was „blaue Bohnen“ sind.

Mein Sohn weiß im zarten Alter von sieben Jahren auch schon alles.

Er verfügt über mehrere Holzschwerter samt Schild, Pfeil und Bogen und hat außerdem endlos viele Cyberkämpfe mit Laserschwert gewonnen, ein alter Krieger gewissermaßen.

Wo wir früher „Peng, Peng“ gerufen haben, um gleich darauf „tot“ umzufallen, stoßen die Kinder jetzt für mich unangenehme Zischlaute aus „Disch“ oder „Zschock“ oder“ Tschack“

Ich verstehe aber, dass es Spiel ist, sie wollen mich nicht wirklich töten.

Eigentlich genau wie die Nato, die gerade in der Ukraine ein Militärmanöver abhält.

Die wollen auch „nur“ spielen. Ich sehe bei dem Begriff Nato den inzwischen ehemaligen Generalsekretär Rasmussen vor mir, der aussieht wie ein Junge, der in die Jahre gekommen ist.

Seine markigen Sprüche und Drohgebärden in Richtung Russland erinnern mich an die „Western“ meiner Kindheit.

Ich war mir damals nie sicher, wer die Guten und die Bösen waren.

Mal waren es die Cowboys und umgekehrt ein anderes Mal die Indianer. Genau wie heute. Mal sind es die Amerikaner und dann doch wieder die Russen.

Waffen gehören dazu.

Warum?

Weil sie eine infantile Notwendigkeit darstellen.

Unser Gehirn scheint ohne Waffen nicht auszukommen, das männliche Gehirn zumindest.

Für meinen Sohn symbolisieren sie offensichtlich direkte Zielerreichung ohne Umschweife und zugleich die Vernichtung von allem, was ihn nervt.

Dabei ist er nicht wählerisch.

Wenn Pfeil und Bogen gerade nicht zur Hand sind, ist jeder Stock eine Waffe und wenn auch der fehlt greift er eben zum „Laserschwert“, das muss man sich nur vorstellen.

Mit Waffen bekämpft man Ängste und je mehr Waffen man hat, desto mehr Ängste gibt es zu bekämpfen.

Ob das eine wechselseitige Spirale ist, wurde meines Wissens bisher nicht untersucht.

Genauso wenig wurde untersucht, ob die Tatsache, dass wir uns bewaffnen, per se infantil ist, nach dem Motto: „An jeder Ecke ein Monster, das bekämpft werden muss.“

Es scheint mir aber infantil, dient der Angstbekämpfung und auch dem Aggressionsabbau und bedient die Vorstellung man könnte mit Waffengewalt irgendein Ziel erreichen.

Zielen ist da noch das pädagogische Element bei der Sozialisation mit Waffen-Spielzeug. Da ist es egal, ob die Kinder ein Holzschwert oder ein Videospiel benutzen.

Es schult die Konzentration. Aber dann hört es auch schon auf.

Nichts im Leben bekommt man auf direktem Weg und schon gar nicht mit vorgehaltener Waffe.

Die Zeit der Jäger und Sammler ist vorbei, der Umgang mit Waffen ist die Rückkehr auf eine frühere Evolutionsstufe – psychologisch gesehen eine Regression.

Warum nun  die Kontrahenten in der Ukraine-Krise alles wollten, außer verhandeln, lässt sich eigentlich nur mit Regression erklären.

Da hatten auf beiden Seiten Leute die Oberhand, die sich nicht auf der aktuell zu erwartenden Evolutionsstufe befanden. Leute mit infantilen Vorstellungen von Zielerreichung.

Aber auch Leute, die sich von ihren Allmachtvorstellungen nicht lösen konnten.

Denn  die Allmacht, kurz der primäre Narzissmus, wie wir ihn aus der Kindheit als Phantasie kennen, die ist das zweite starke Motiv, sich zu bewaffnen.

Waffen bestärken unsere Allmachtphantasie und unseren Narzissmus, auch hier eher den der Männer, in unglaublicher Weise.

Das Pokemon-Spiel, dass unser älterer Sohn so liebte, dokumentiert diesen Glauben, dass es gegen jeden Gegner die richtige Waffe gibt, die man schließlich nur erfinden muss.

Allmachtphantasien, so sagt man, überdauern die Kindheit und setzen sich auch im Erwachsenenalter durch, wenn Kränkungen nicht angemessen verarbeitet werden konnten.

Dies kann an der Art der Kränkungen liegen oder an der Unfähigkeit, sie zu verarbeiten.

Im Endeffekt spielt es keine Rolle, was der Grund war. Ob Putin eine schwere Kindheit hatte oder Obama zu viel gekränkt wurde, als er klein war hilft jetzt nicht viel weiter.

Auch warum Poroschenko nun gerade mit Schokolade sein Vermögen machte, lassen wir dahin gestellt.

Ich weiß nicht, ob dies ein Anzeichen von Infantilität und Regressionsneigung ist.

Aber irgendeinen Grund muss es ja haben, dass er mitten in den Waffenstillstandsverhandlungen persönlich im Kongress in Washington mit der Bitte um Präzisionswaffen vorspricht.

Letztendlich nützt dieser Konflikt niemanden, nicht einmal den Amerikanern, wenn man es auf längere Sicht betrachtet, was ein ziemlich sicheres Zeichen für eine regressive Ursache der Eskalation ist.

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob Gruppen, die sich hier bekriegen, nicht ohnehin auf einem niedrigeren evolutionären Niveau agieren, als Individuen.

Ich bin ein Anhänger dieser These, will damit aber nicht alles erklären.

Die bereits vielfach analysierten Interessenslagen beider Seiten, die immer wieder zu Theorien über stringente geopolitische Strategien mal auf dieser mal auf jeder Seite führen,  erklären Ausmaß und Bösartigkeit des Konfliktes jedenfalls nicht.

Sind es also die Waffen, wieder einmal, die als Erklärung herangezogen werden müssen?

Die Rüstung, diese komprimierte narzisstische Keule, hat in den letzten zehn Jahren jedenfalls geboomt.

Hier wie dort.

Im Westen gab es seit 2003 stetig steigende Anteile der Rüstungsindustrie  am jeweiligen Bruttoinlandsprodukt.

Es gab Innovationsschübe weit über den eigentlichen Kernbereich der Rüstung hinaus und das Phänomen, dass sich jedes Technologieunternehmen möglichst eine „Defense Sparte“ zulegte, lässt sich nicht übersehen.

Ich habe darüber berichtet, als ich im Sommer schockiert  von der Internationalen Luftfahrtausstellung in Berlin nachhause kam. „Die ILA rüstet auf!“

Auch Russland hat seine Armee in den letzten zehn Jahren konsequent modernisiert, konsequenter sogar, als der Westen.

Denn wo es der Nato um präzise Militärtechnologie im Kampf gegen den Terror ging, der im Zeitalter der Drohnen immer mehr zu einer Kriegsführung gegen Individuen wurde, hat Russland weiterhin auf eine hochtechnisierte Massenarmee gesetzt.

Das Kräfteverhältnis hat sich bei klassischen Auseinandersetzungen zwischen Ländern daher deutlich zu Gunsten Russlands verschoben.

Das Verhältnis der Waffen könnte deshalb durchaus die Gehirne der Politiker auf das regressive Niveau reduziert haben, das wir heute überall wahrnehmen müssen.

Auf der russischen Seite Allmachtphantasien vermittelt durch die Stärke der eigenen Armee, auf der anderen Seite, Vernichtungsängste (also umgekehrte Allmachtphantasien) durch die befürchtete militärische Unterlegenheit der Nato.

Dies führte jetzt bekanntlich dazu, dass eilig nach Waffen gesucht wurde, die Surrogate für echte Kriegswaffen sein könnten.

Gemeint sind die Wirtschaftssanktionen, mit denen zwar nicht geschossen und gebombt, aber sehr wohl zerstört werden soll.

Die Folgen für die Bevölkerung des betroffenen Landes können erheblich werden, auch der Begriff Vernichtung ist hier nicht zu weit her geholt.

Man kann die Wirtschaft eines gegnerischen Landes sehr wohl vernichten.

Ob das nun bei Russland beabsichtigt ist oder auch nur funktionieren würde, lasse ich offen. Fakt ist, dass die Sanktionen keine pädagogischen Maßnahmen, sondern Waffen sind.

Vor allem aber sind sie Waffen gegen die eigenen Ohnmachtsphantasien und Vernichtungsängste der beteiligten westlichen Konfliktparteien.

Zusammenfassend könnte man diesen kleinen Exkurs mit der Feststellung schließen, dass Waffen in jeder hier beschriebenen Art,  zwar zielgerichtet wirken, aber  zur Lösung komplexer Konfliktsituationen nicht taugen.

Die Tatsache, dass sie dennoch so im Vordergrund des Konfliktes um die Ukraine stehen, muss etwas mit den „waffen-geprägten“ Gehirnen zu tun haben, die hier agieren.

Warum Verhandlungsansätze, die es zu jedem Zeitpunkt der Krise gab, immer wieder durch regressive Reflexe gestört und zunichte gemacht wurden,  lässt sich letztlich nur durch die Infantilität der Akteure, die Einfluss genommen haben, erklären.

Verhandlungen wären zu jedem Zeitpunkt möglich gewesen, Waffen waren nie ein vielversprechender Lösungsansatz, weder die russischen Panzer (auf beiden Seiten) noch die europäischen und amerikanischen Sanktionen gegen Russland.

Beides hat nachweislich keine Fortschritte in der Konfliktlösung gebracht.

Wir müssen auch anlässlich dieses Konfliktes darüber nachdenken, warum in einer so komplexen Welt, in der es um multilaterale Interessensgegensätze geht, ausgerechnet die eindimensionale und regressive Strategie, sich durch Rüstung Vorteile zu verschaffen, derartig auf dem Vormarsch ist?

Warum Politiker, die es eigentlich besser wissen sollten, ein neues militärisches Engagement Deutschlands und Europas in der Welt anmahnen und weshalb die Institutionen, die tatsächlich multilateralen Interessensausgleich durch Verhandlungen herbeiführen könnten, wie die UNO so massiv in die Bedeutungslosigkeit verwiesen werden, wie das heute der Fall ist?

Ich fürchte, es hat etwas mit Strukturverlust in politischen Institutionen und Eliten zu tun, der immer weiter in eine solche gefährliche und global wirksame Regression führt.

Hartmut Rosa hat in seinem Aufsatz „Rasender Stillstand“ über diese Entstrukturierung  westlicher Gesellschaften geschrieben, die aber längst auch die Schwellenländer und alle anderen Länder der Erde erfasst hat.

Die Renaissance der Weltreligionen und der Ideologien, die wir derzeit beobachten, könnte eine Reaktion auf diesen Strukturverlust sein, allerdings auf ein recht unreifes Niveau.

Vielleicht aber dennoch ein höheres Niveau, als es bei kompletter Auflösung moralischer und kultureller Verbindlichkeiten zu befürchten wäre.

Waffen sind dennoch der verbindende Faktor zwischen der Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft – sie drücken das Unvermögen aus, auf einer reifen Stufe miteinander umzugehen, sie schubsen unser Gehirn zurück auf die Ebene kindlicher Allmacht- oder Ohnmachtsphantasien, bekämpfen Ängste und bedienen Aggressionen – führen aber niemals zu einer Konfliktlösung.

Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, dass ab einer bestimmten Entwicklungsstufe Waffen wie Gift auf unser Gehirn wirken.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 25. September 2014 um 03:18 Uhr  

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