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Die weiche Flanke der Leistungsgesellschaft

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Es hat mal vor dreißig oder vierzig Jahren einer geschrieben, der sich mit der Zukunft beschäftigte, dass die nächste große Menschheitskatastrophe nach dem zweiten Weltkrieg psychologischer Natur sein wird.

Ich erinnere mich weder an den Autor noch an das Buch, nur an diesen Satz, der mir in letzter Zeit während meiner psychiatrischen Tätigkeit immer öfter in den Sinn kommt.

Niemand braucht diesen Artikel, den ich gerade schreibe.

Weder braucht man ihn, um zu wissen, dass psychische Störungen in den westlichen Gesellschaften, aber auch in den Übergangsgesellschaften des Ostens auf dem Vormarsch sind.

Dafür gibt es den WHO-Mental-Health Atlas, wo alles nüchtern verzeichnet ist.

Es braucht auch keiner meinen Artikel, um zu wissen, dass die Zahl der vorzeitigen Berentungen aus psychischen Gründen seit 10 Jahren rapide ansteigt.

Irgendeine Tageszeitung reicht dafür aus.

Schließlich braucht diesen Artikel wirklich niemand, der sich über die Härten unserer Gesellschaften beklagen möchte, weil diese auf der Hand liegen.

Wir haben eine klassische neue Armut, wir haben 8 Millionen Hartz IV-Empfänger, wir haben Billiglöhne bis 2,50 Euro pro Stunde  auf dem regulären Arbeitsmarkt und wir haben dennoch eine Migration in unsere Sozialsysteme aus Ländern, in denen es den Menschen noch viel schlechter geht.

Wir haben eine kapitalismuskonform agierende Arbeitsverwaltung und Arbeitsagenturen, die eng mit Billiglohnunternehmen und Zeitarbeitsfirmen kooperieren und ihnen neue billige Arbeitskräfte durch einfache Zwangausübung zuführen.

Niemand braucht diesen Artikel, um zu wissen, dass Unternehmen inzwischen Arbeitskräfte konsumieren, wie Einwegartikel, dass aus diesem Grunde die Generation 50plus nur noch marginale Chancen auf Neueinstellungen hat, in vielen Branchen aber auch nur noch geringe Chancen ihre Arbeitsplätze zu halten.

Jeder, der sich informieren möchte, findet genug Hinweise darauf, dass die Rente mit 67 auch nur ein weiteres Subventionsgeschäft für Arbeitskräfte fressende Unternehmen ist, weil es die seit 30 Jahren praktizierte Taktik der Frühberentung durch massive Rentenkürzungen finanzierbarer macht.

Eigentlich habe ich nichts besonderes zu sagen und gehe daher lieber leise meiner psychiatrischen Arbeit nach.

Ich behandele ausgebrannte Frührentner der nächsten Jahre, chancenlose, verwirrte, bildungsarme Jugendliche, gekränkte und verletzte Abteilungsleiter, die nach der letzten Mobbing-Attacke keinen Mut mehr haben auf die Arbeit zu gehen, die Opfer von Abteilungsleitern, die Opfer der Opfer, z.B. Opfer von Verkehrsunfällen, die von ausgeflippten „normalen“ Arbeitnehmern nach einem Tag voller Wut auf der Straße geschnitten, touchiert oder schlicht und einfach gecrasht wurden, die sich vor Gericht dann später nicht selten selbst als Opfer erleben und auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren.

Auch für die bin ich da. Ich behandle überforderte allein erziehende Mütter mit schwacher Persönlickeitsstruktur, bald werde ich ihre Kinder behandeln.

Ich behandle Legionen von Alkoholkranken: Vom Spitzenpolitiker über den Vorstandschef bis hin zum Hausmeister und HartzIV-Empfänger seit der Kindheit. Geschätzte 15% der Bevölkerung!

In harten Zahlen mindestens 6 Millionen in Deutschland, ohne Dunkelziffer.

Die Arbeit geht mir nicht aus!

Keine Branche, die ein so kräftiges Wachstum in den letzten zwanzig Jahren verzeichnen konnte, wie die Psychiatrie, die Psychotherapie und die Psychosomatik.

Die Menschen mit Schmerzen, weil sie ihr Leben kaum noch aushalten, die ewigen Neurotiker, die ihr Unglück kultivieren, aber auch die vielen Traumatisierten!

Auch die behandle ich.

Wer eine Ausländerbehörde in der Nähe hat und Psychiater ist, der behandelt auch viele, viele Menschen aus anderen Ländern.

Genau wie ich.

Meist die, welche kurz vor der Abschiebung stehen und von der Polizei gebracht werden, weil sie verrückt spielen, sich umbringen wollen oder es vorgeben, um ihre Abschiebung zu verhindern.

Aber auch die, die wirklich an ihrem Schicksal verrückt geworden sind, depressiv, süchtig oder schwer traumatisiert, teilweise psychotisch.

Niemand braucht diesen Artikel, weder die Rechtsanwälte, die für ihre Mandanten psychiatrische Unterstützung bei Prozessen um Zurechnungsfähigkeit, Bleiberecht oder auch nur Erleichterung der Bedingungen in der Abschiebehaft erreichen wollen, noch  die Flüchtlinge, die mit unrealistischen Erwartungen nach Deutschland kamen.

Die vielen überforderten Angehörigen, die ihre an Demenz erkrankten Eltern oder Lebenspartner nicht mehr aushalten und Entlastung brauchen, um selbst nicht krank zu werden.

Aber alle, alle brauchen Sie Psychiater, Psychotherapeuten und Psychologen, von denen es nie genug gibt, noch nicht einmal in den Großstädten, wo die Wartezeiten auf einen Therapieplatz teilweise auch 6 Monate betragen.

In den ländlichen Regionen kann man von einer Versorgung häufig gar nicht reden, obwohl formal ganz Deutschland überversorgt sei und die Behandlungsplätze in den letzten Jahrzehnten exponentiell nach oben gingen.

Kein medizinisches Fach hat so viel Ärztemangel wie die Psychiatrie, obwohl sich die Zahl der Psychiater in jedem Jahrzehnt verdoppelt.

Es gibt einen Grund für diese Entwicklung.

Die Psychiatrie ist die weiche Flanke einer immer härter werdenden Gesellschaft.

Genau dort hin flüchten sich diejenigen, die die Härten unserer Gesellschaft nicht mehr aushalten.

Unsere Psychiatrie droht zur Mutter der Nation zu werden.

Je länger ich darüber nachdenke, und ich denke schon seit zwanzig Jahren darüber nach, desto mehr erscheint mir die Ursache für diese Überbeanspruchung der Psychiatrie ein bestimmtes Menschenbild zu sein.

Es kommt humanistisch daher und gründet dennoch in faschistischen Idealen.

Dabei ist es zutiefst kapitalistisch orientiert.

Wir wollen nur noch Menschen, die zäh wie Leder sind, hart wie Kruppstahl und flink wie Windhunde.

Der Widerspruch besteht nun darin, dass dieses offensichtlich geforderte Menschenbild nicht erlaubt ist und deshalb verlogen werden muss.

Schließlich sind wir keine Faschisten, obwohl an den Arbeitsplätzen der Nation immer häufiger und unverblümter genau diese Eigenschaften des faschistischen Menschenbildes gefordert werden.

Der ideale Mitarbeiter soll alles wegstecken können, ob Kränkung, Krankheit oder krasse Überforderung und zwar gleichmäßig von der Jugend bis zur Rente mit 67.

Er soll, ob er in einem mittelständischen Betrieb oder als Arbeitsberater bei der Arge tätig ist, hart genug sein, allen menschlichen Anfechtungen zu widerstehen und das Durchsetzen, was ihm aufgetragen wurde.

Notfalls kann er über Leichen gehen, die Belohnung gibt es dann manchmal im Puff in Budapest, wie es die ERGO-Versicherung vorgemacht hat.

Vor allem soll der ideale Mitarbeiter schnell sein, wie ein Windhund.

Zeit ist auf unserem Arbeitsmarkt zu einem synonym für Faulheit geworden.

Wer sich zuviel davon genehmigt ist draußen.

Diesen eigentlich unmenschlichen Anforderungen steht in unserem Sozialstaat der moralische Anspruch des Humanismus gegenüber.

Wer nicht mehr optimal arbeitet, ist zwar ein Verlierer und wird ausgegrenzt, aber er bekommt jede erdenkliche Hilfe.

Das muss einfach sein, weil sonst die faschistische Grundeinstellung in unserer Arbeitsgesellschaft zu offensichtlich würde.

Manch ein geschasster Arbeitnehmer bekommt dann vom Betriebsrat den wohlmeinenden Rat:

„Gehen sie zum Psychiater und lassen sie sich berenten.“

Klar, alle anderen werden ja auch zum Psychiater geschickt, vom ungezogenen Kind bis zum Amokläufer.

Die Psychiatrie wird es schon richten.

Wobei ich „richten“ auch im juristischen Sinne meine.

Der Psychiater entscheidet dabei nicht nur über die Straffähigkeit von Straftätern.

Er entscheidet auch über die Glaubwürdigkeit von Erschöpften, Leistungsversagern und differenziert zwischen den Faulen und den Kranken.

So ist jedenfalls seine Rollenzuschreibung in der Gesellschaft.

In dem ein Psychiater eine Diagnose vergibt, das ist das Schlimmste, hat er schon ungewollt über die Chancen zur Rückkehr in ein normales Leben entschieden.

Mit jeder neuen Diagnose wird diese Chance kleiner.

Vorbei sind die Zeiten, in denen man psychisch Erkrankte wieder ins Arbeitsleben integrieren konnte.

Dieser Satz ist so provokativ, weil die Zahl der Institutionen, die sich mit der Wiedereingliederung psychisch Erkrankter in das Erwerbsleben beschäftigen, in den letzten Jahren erheblich angestiegen ist.

Diese häufig privatwirtschaftlich geführten Rehabilitationseinrichtungen stehen unter Rechtfertigungsdruck.

Erfolgsquoten müssen die Kosten für die Rentenversicherungen und Arbeitsagenturen rechtfertigen.

Also werden Erfolgsquoten vorgewiesen.

Statistisch, aber nicht in der Realität.

Die Statistik aber ist die öffentliche Realität.

Wer sich nur ein wenig damit beschäftigt, wie dreist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales unsere Arbeitslosenzahlen schönt, kann sich eine Vorstellung davon erwerben wie geschönt, die Statistiken bei der Widereingliederung psychisch Erkrankter sein müssen, zumal wenn diese von den Rehabilitationseinrichtungen selbst kommen.

Als Aktiver in diesem Bereich seit 1993 kann ich nur meine persönliche Wahrnehmung ins Spiel bringen.

Nie war es so schwer, Menschen mit seelischen Handicaps in Arbeit zu vermitteln.

Die Toleranz bei Arbeitgebern ist in Hinsicht auf Unregelmäßigkeiten in der Leistung von Mitarbeitern erheblich gesunken.

Auf der anderen Seite greift bei Menschen mit nur leichten psychischen Störungen eine zunehmende vorausseilende Resignation, weil die kommunizierten Leistungserwartungen in der Arbeitswelt so hoch sind, dass Menschen mit psychischen Krankheitserfahrungen schnell die Hoffnung verlieren, den gestellten Erwartungen entsprechen zu können.

Entfernt man die Augen ein wenig vom Text und ruft sich die beschriebene Situation als Übersicht ins Gedächtnis, kommt leicht zu einem Gesamteindruck:

Unsere Gesellschaft entsorgt den Selbstanspruch zur Menschlichkeit und Fairness in den „Mülltonnen“ unseres Sozialsystems.

Die Psychiatrie ist eine dieser „Mülltonnen“, die nebenbei bemerkt, immer größer werden, weil sie immer mehr Menschen fassen müssen.

Die scharfe Abgrenzung und Ausgrenzung von Menschen die sich in diese Systeme retten mussten, von dem Rest der Gesellschaft, rechtfertigt dabei den harten Begriff „Mülltonne“.

Dieser Satz klingt zynisch, vielleicht auch verbittert, aber ich empfinde ihn als wahr.

Aus dem Blickwinkel eines Systemträgers erlebe ich täglich, wie gesellschaftliche Verantwortung für das Versagen vieler an die sozialen Institutionen komplett abgegeben wird, um dann weiter „business as usual“ zu betreiben.

Dabei wird die Psychiatrie vielerorts verachtet und zugleich gefürchtet, wie ein Straflager in welches man unweigerlich gerät, wenn man gesellschaftliche Anforderungen, insbesondere die der Arbeitswelt, nicht mehr erfüllen kann.

Auch dieser Zwiespalt in der Gesellschaft hat faschistische Merkmale:

Nur die Stärksten werden überleben, der Rest wird ausgesondert.

Freunde aus der Politik werfen mir anlässlich solcher Kritik gerne vor, dass ich nur jammere und keine konkreten Änderungsvorschläge mache.

Das ist richtig.

Niemand braucht diesen Artikel und niemand braucht Änderungsvorschläge von mir.

Wie soll man einer Gesellschaft, die von sich behauptet, human zu sein, vorschlagen, ihr Menschenbild zu ändern?

Auch wenn wir über schlagkräftige Institutionen und NGOs verfügen, die sich für die Interessen der Menschen einsetzen, gelingt es nicht, die mentale Spaltung der Gesellschaft in Leistungsträger und Hilfsbedürftige aufzubrechen.

Die Spaltung existiert in den Menschen selbst und wird durch das faschistoide kapitalistische Weltbild, das uns zu einer führenden Industrienation und zum Exportweltmeister gemacht hat, aufrecht erhalten.

Wir Deutschen müssten bereit sein uns in die zweite Reihe zurückzustellen und dann in Ruhe über uns selbst nach zu denken.

In einer Welt voller böser Konkurrenten kann das nicht gelingen.

Eine soziale Ökonomie und ein sozialer Arbeitsmarkt das sind Dinge, die ihren Preis haben.

Solange Arbeitnehmer als Spitzensportler betrachtet werden, die Made in Germany produzieren, werden die Suizide von Spitzensportlern weiterhin zu Entsetzen führen, aber das Denken wird sich nicht ändern.

Deshalb habe ich keine Vorschläge und niemand braucht diesen Artikel.

P.S. Bezeichnenderweise bin ich gerade auf einen Videoclip bei Youtube gestoßen, welcher einen Mitschnitt eines Interviews von Sigmar Gabriel von 21.4.2011 bei Phönix anlässlich der Buchvorstellung: "Der kleine Wählerhasser" enthält.

Hier schildert Gabriel einen Fall, in dem eine 16jährige Rumänin nach schwerem sexuellen Missbrauch durch ihren Vater nach unserem Ausländerrecht abgeschoben werden soll.

Grundlage ist, dass der Vater wegen eben dieses Missbrauchs verurteilt und selbst nach Rumänien abgeschoben wurde.

Die missbrauchte Tochter sollte nun in genau den Ort abgeschoben werden, in dem jetzt der Vater lebt.

Verständlicherweise empört, schildert Gabriel eine Absprache, die er darauf mit einem Kollegen von der CDU trifft: "wir suchen uns jetzt einen Psychiater, der uns bescheinigt, dass das Mädchen selbstmordgefährdet ist...und das machen wir immer wieder, bis sie solange hier ist, dass sie einen verfestigten Aufenthaltsanspruch hat, und immer wenn einer auf die Idee kommt, er will sich die Akte angucken, hauen wir ihm beide auf die Finger!"

Wie wohl diese Aussagen sehr menschlich daher kommen, ist die Paradoxie natürlich die, dass Politiker, die während der Zeiten der Verschärfung des Ausländerrechtes (Zuwanderungsgesetz) schon am Drücker waren, wie selbstverständlich davon ausgehen, dass die Psychiatrie, die Unmenschlichkeiten, Härten und Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft schon wieder "richten" wird.

Die Politisierung und der Missbrauch dieses Faches ist offensichtlich auch Spitzenpolitikern schon zur Selbstverständlichkeit geworden.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 14. Januar 2012 um 14:25 Uhr  

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