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Mobilisieren?

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Was die Wahlanalytiker gestern Abend als erstes mitteilten, nämlich, dass sich ein hoher Prozentsatz der Wähler erst kurz vor dem Wahltag entschieden habe, entspricht auch meiner Erfahrung am Wahlkampfstand.

Dort waren die Fragen kritischer und präziser als bisher gewohnt und nicht selten wurden die gleichen Fragen reihum an allen Ständen der Parteien gestellt.

Die Kernfrage lautete: „Warum soll ich Ihre Partei wählen?“

Ich finde diese Tendenz sehr erfreulich, zeigt sie doch ein wacheres und kritischeres politisches Bewusstsein unserer Mitbürger als bisher gewohnt.

Doch dürfte die Umstellung hin zu intellektuelleren Wahlkämpfen etlichen Genossen nicht leicht fallen.

Denn traditionell hatte die SPD eine Wählerklientel, oft seit Generationen, die nur mobilisiert werden musste, damit die SPD Stimmen erhielt; manchmal musste sie noch nicht einmal mobilisiert werden, die gingen von ganz alleine wählen, jedenfalls in den traditionell roten Stimmbezirken.

Entsprechend verliefen die Wahlkämpfe: es wurde Stimmung gemacht, mit Drehorgel und der Abgabe von je nach Jahreszeit Nikoläusen oder rot gefärbten Eiern, ersatzweise Kugelschreiber, Blöckchen, Einkaufschips und Gummibärchen.

Wenn ich einige Genossen beobachte, so ist das wohl als einziges übrig geblieben: die Abgabe von Giveaways, die den Bürgern regelrecht angedient werden – nun nehmt doch – wie sauer Bier.

Nehmen wir es ihnen nicht übel.

Sie wollen ja etwas tun, wollen ja um Stimmen kämpfen – es bleibt nur nichts zu tun.

Denn auch konservative Genossen sehen am Stand blitzschnell ein, dass ausgegebene Parteiparolen noch schwerer an den Mann oder die Frau zu bringen sind als Broschüren.

„Keine Parolen bitte“, das ist die von mir beobachtete Tendenz.

Gewiss, die ganz alten Stammwähler, so ab 70 und weit darüber, werden auch weiterhin mit Kulis und Chips mobilisiert, denn die sind das genau so gewohnt wie die alten Stand-Genossen.

Doch wenn beabsichtigt ist, die eigenen Wähler über die Alten hinaus zu mobilisieren – und das sind ja inzwischen weit mehr – so ist festzustellen, dass sie deswegen nicht mobilisierbar sind, weil sie gar nicht da sind.

Es ist sinnlos, mobilisieren zu wollen, wo keiner ist, der mobilisiert werden könnte.

Wobei ich gleich noch auf eine andere mir wohl bekannte Unsitte verweisen möchte: nicht wenige Genossen meinen, sich mit dem Parteieintritt die Lufthoheit über das bürgerliche Politikverständnis erobert zu haben.

Heißt, die gehen grundsätzlich davon aus, dass nur Parteimitglieder Ahnung von Politik haben, währen der gemeine Bürger dazu zu dämlich ist, sich blind von Medien manipulieren lässt und nun darüber aufgeklärt werden muss, was er denn eigentlich will.

Was natürlich zu verwirrtem Schweigen, vertuscht durch die bekannten Politparolen führt, wenn sich, und zwar sehr oft, zeigt, dass gerade die Bürger, die sich als Nicht-Stammwähler an den Ständen einfinden, mehr Ahnung von der Sache haben als die Genossen, die selbiges von sich behaupten.

Von einigen Alten oder der Familientradition folgenden Jungen abgesehen (und das werden immer weniger!) können wir keine Wähler mehr mobilisieren. Mobilisieren können wir 20 % der Bevölkerung mit abnehmender Tendenz.

Das reicht nicht.

Wir müssen Wähler überhaupt erst gewinnen.

Gewinnen können diese Wähler nicht unsere Mandatsträger mit ihren Großveranstaltungen.

Denn die Mehrheit der Bürger geht da gar nicht erst hin, und von denen, die hingehen, ist die Mehrheit eigene Parteigenossen, die dazu tüchtig mobilisiert werden, damit die Veranstaltung auch nach was aussieht. Kennen wir alle.

Wer nun auf die Wählergewinnung durch die Medien verweist, der möge sich bitte das Ergebnis anschauen.

Was bringt es?

Wer Wähler gewinnen kann, das sind die Genossen an der Basis.

Im direkten Gespräch von Bürger zu Bürger.

Denn das hat gegenüber den Medien einen entscheidenden Vorteil: der Bürger kann antworten.

Er ist hier nicht passiver Konsument, sondern einer, der aktiv und schon mal durchaus kontrovers seine eigenen Auffassungen und auch – nicht zu vergessen! - sein eigenes Wissen einbringt.

Im Gegensatz dazu verweise ich auf die Schwester der Mobilisierung, die Überzeugungsarbeit.

Es ist das, was vielfach von eigenen Genossen als Fehler der SPD genannt wurde: die SPD konnte die Bürger nicht – z.B. von der Richtigkeit der Agenda 2010 – überzeugen.

Jedoch: entspricht es denn wirklich demokratischem Geist, einen klaren Kurs - „Klare Kante“ - zu entwickeln und die Bürger davon zu überzeugen zu trachten?

Entspricht es der Demokratie, die Bürger zwischen verschiedenen Kursen wählen zu lassen, die sie alle nicht selbst mit gedacht und mit beeinflusst haben?

Die vielen, die von „den Bonzen“, „denen da oben“, den „Politikern, die doch nur an sich selber denken“, denen, die „längst keinen Kontakt mehr zum Bürger“ haben, sprechen damit eine klare Sprache: sie sind nicht bereit, sich den politischen Kurs unserer Gesellschaft von anderen diktieren zu lassen und sich darauf zu beschränken, alle vier, fünf Jahre mal über den jeweiligen abzustimmen.

Das heißt nun nicht, dass sie für einen anderen Kurs als den sozialen stimmen, dass sie für eine andere Partei stimmen; die gehen dann eben gar nicht wählen.

Sagen, was sollen wir denn wählen? Wir haben doch sowieso keine Wahl.

Die Ergebnisse der Europa-Wahl zeigen dies schon jetzt.

Wir stehen in einer schweren Wirtschaftskrise, landauf, landab hört man Bürger, auch in den Medien, über die Wirtschaftsmanager schimpfen, die Gewinne privatisieren und Verluste auf Kosten der Steuerzahler verstaatlichen, auch Europa wird als immer wichtiger erachtet und das Ergebnis – Zugewinne bei denen, die den alten wirtschaftsliberalen Kurs verteidigen.

Klar, dessen Anhänger strömen zu den Wahlurnen, denn die haben ja tatsächlich etwas zu verteidigen, das durchaus bedroht ist, zu Recht bedroht: ihren Neoliberalismus.

Doch die große Mehrheit ihrer Kritiker bleibt zu Hause.

Warum?

Weil sie sich von keiner Partei vertreten fühlen. Und ich behaupte, sie fühlen sich von keiner Partei vertreten, weil keine Partei ihnen zuhört und ihre Vorschläge und Wünsche aufnimmt und in praktische Politik umzusetzen trachtet.

Es interessiert sich nämlich keiner für ihre Wünsche, die oft genug dringende Bedürfnisse sind.

Es interessiert nur der eigene Plan, das eigene Konzept, der eigene Kurs.

Doch diese Parteipläne interessieren die Bürger herzlich wenig, denn sie erkennen, dass es nicht ihre unmittelbare Wirklichkeit ist, mit der sich solche Pläne befassen.

Der Wähler, auf den solche Parteiprogramme gemünzt sind, hat gar keine unmittelbare, konkrete Wirklichkeit, auf die hin man abzielen müsste.

Weil der Wähler gar kein konkretes menschliches Individuum ist.

Der Wähler ist ein Abstraktum, eine Art Archetyp, der gemäß statistischer Erhebungen die und die Bedürfnisse hat, die so und so geweckt werden können. So verfährt die Werbung.

Aber, und das ist auch wirklich gut so und sogar etwas, auf das wir stolz sein können, unsere deutschen Mitbürger wissen offenbar sehr genau zwischen Produktwerbung und Politik zu unterscheiden.

 

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