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Norwegen: Terror gegen Sozialdemokraten

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Ein Mann, vermutlich mit zumindest einem Komplizen, hat gestern Terror gegen die norwegische Sozialdemokratie verübt.

Zuerst ging eine Bombe im Regierungsviertel hoch, die auch den Amtssitz von Ministerpräsident Jens Stoltenberg beschädigte.

Der Politiker war nicht in seinem Büro, hätte aber wie die ehemalige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland das rote Jugendlager auf der Insel Utöya besuchen sollen.

Seit gestern kennen alle die Bilder von den Trümmern in der Osloer Innenstadt und die Luftaufnahmen der Ferieninsel, von der es kein Entkommen gab.

Anders B. tötete dort 84 Jugendliche, ehe die Polizei die Insel erreichte.

In der City starben sieben Menschen, dieser Anschlag wurde von B. zum Vorwand genommen, die Insel als Polizist verkleidet zu betreten.

Er wolle die Sicherheitsvorkehrungen überprüfen, sagte er - und richtete dann ein Blutbad an.

Zahlreiche Medien vermuteten - auch noch in den heutigen Printausgaben - islamistischen Terror, sprich Al Qaida, hinter den Attentaten.

Tatsächlich handelt es sich um "domestic terrorism" wie auch zu Jahresbeginn in Tucson, Arizona.

Diskussionen im Web drehen sich nun oft darum, ob christlicher Fundamentalismus eine Gefahr darstellt und sich nicht "die" christlichen Kirchen entschuldigen sollten, wie es auch immer wieder vom Islam verlangt wird.

Der Täter ist, wie auch in Arizona, nicht so klar einzuordnen.

Seine Lesegewohnheiten erscheinen etwa widersprüchlich, jedenfalls dann, wenn man annimmt, Rechtsextreme würden nur jene Lektüre konsumieren, die sie bestätigt.

Er ist 32, wohnt mit seiner Mutter zusammen, betreibt Bio-Landwirtschaft und war Mitglied der rechtspopulistischen  Fremskrittspartiet, deren Programm Wikipedia so skizziert:

•    Privatisierung staatlicher Unternehmen

•    Steuersenkungen und Vereinfachung des norwegischen Steuersystems

•    Engere Partnerschaft mit Israel und den USA

•    Bekenntnis zur "christlich-abendländischen Tradition", sowie dem "in der christlichen Weltanschauung verwurzelten kulturellen Erbe"

•    Reduzierung staatlicher Sozialprogramme

•    Privatisierung des Bildungssystems und Einführung eines Bildungsgutscheinmodells

•    Unabhängigkeit der norwegischen Zentralbank von politischer Einflussnahme

•    Ablehnung des Kyoto-Protokolls (die Partei bestreitet die menschliche Verantwortung für den Klimawandel)

•    Außerdem wird angemerkt:

"Von Politologen wird sie mit rechtspopulistischen Parteien wie der FPÖ und der niederländischen Lijst Pim Fortuyn verglichen".

Anders B. nennt sich "konservativer Christ" und gibt an, Mitglied einer Freimaurerloge zu sein.

Als "Hobbys" nennt er Jagen und Bodybuilding, er postet ausgiebig in Foren (hier eine Auswahl in englischer Übersetzung).

Man vermutet, auch wenn sich die Ermittler bewusst bedeckt halten, was aber die Medien nicht von Spekulationen abhält, dass die Bombe im Regierungsviertel aus Kunstdünger hergestellt wurde.

Dies deutet auf Parallelen zum Anschlag von Oklahoma City 1995 hin und verweist auch auf einen Aspekt des Krieges in Afghanistan.

Denn die Taliban basteln Sprengsätze aus Kunstdünger, der einst für friedliche landwirtschaftliche Zwecke geliefert wurde.

Die Lage würde sich ganz anders darstellen, wäre nie Dünger ins Land gebracht worden.

Anders B. soll im Frühjahr mit dem Bombenbasteln begonnen haben, also wohl damit auszuprobieren, was er in welchem Mischungsverhältnis verwendet.

Vielleicht stellt sich da, ohne zuviel zu spekulieren, doch auch die Frage, ob das niemandem aufgefallen ist.

Als Waffe in Utöyla kommt wieder einmal die Glock zu Unehren - nachdem B. als Jäger gilt, wird er diesbezüglich wohl nicht von Arizona inspiriert gewesen sein.

Dennoch hat beides Bezug zu den USA, sowohl der Anschlag auf den Regierungssitz als auch der Amoklauf auf der Insel.

Wahrscheinlich nehmen "domestic terrorists" einander eben weltweit zum Vorbild.

Eigentlich hätte Gro Harlem Brundtland am Tag des Attentats auf die Insel fahren sollen - Anders B. nannte sie letztes Jahr "Landesmörderin", was im Norwegischen ähnlich wie "Landesmutter" klingt.

Die rechtsextreme Szene wird in Norwegen natürlich auch überwacht, Anders B. dürfte aber nicht wirklich greifbar gewesen sein, da vor allem virtuell präsent.

Man kannte seinen Namen, ohne damit eine konkrete Person zu verbinden.

Da Anders B.  - was Klischees nicht entspricht - berufstätig war, wird er vielleicht wenig Zeit gehabt haben, sich auch in real life herumzutreiben.

Zumal er auch als "belesen" gilt, in seinen Posts immer wieder auf Bücher verweist, sich also gewisse Bildung aneignete.

Anders B. sei, heisst es, nicht angedockt an die rechtsextreme Szene, verwende aber deren klassische Argumentationsmuster.

Auch wenn Anders B. Arbeit hatte, dürfte er extrem frustriert gewesen sein und hat seinen Hass auf die Gesellschaft immer weiter genährt.

Rechtspopulismus und Rechtsextremismus vermitteln im Gegensatz zu demokratischen Konzepten nicht, dass man sich in bestehende Ordnungen einfügen sollte, sondern geben Männern (für die derlei vor allem attraktiv ist) Nährboden für ihre Wut.

Sie sagen, ihr dürft andere vertreiben, auch mit der Waffe in der Hand, es ist lächerlich, von euch - weissen, in dem Fall auch blonden und blauäugigen Männern zu verlangen, dass ihr anderen auf Augenhöhe begegnet.

Schliesslich seid ihr allen anderen überlegen - Frauen, Migranten, "roten Weicheiern".

Wenn jemand darauf besteht, mit euch gleichberechtigt zu sein, haut ihm oder ihr auf welche Art auch immer eine rein.

Sie propagieren ein "Recht des Stärkeren" und sollten daher als Figuren aus Kunstharz im Naturhistorischen Museum neben Dinosauriern ausgestellt werden - sind aber leider sehr lebendig.

Der Terror gegen die Sozialdemokratie hat überall Auswirkungen, auch in Österreich.

Dort beginnt nächste Woche ein Camp in Weißenbach am Attersee, bei dem junge Menschen aus mehreren Ländern mit bekannten sozialdemokratischen PolitikerInnen diskutieren. Das

IUSY World Festival, zu dem auch Bundeskanzler Werner Faymann kommt, wird daher mit verstärkten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden.

Mittlerweile verweisen manche auf inszenierten Stay Behind-Terror früherer Jahre, der allerdings bevorzugt Linksextremen in die Schuhe geschoben wurde.

Außerdem gab es in Oslo nur wenige Tage vor dem Anschlag eine Antiterror-Übung, was besonders unter denen, die sich mit 9/11 Truth befassen, schon mal verdächtig ist.

Die Spekulation also, dass erstens der Täter nicht allein und nicht aus eigenem Antrieb handelte und dass zweitens auf diese Weise politische Ziele durchgesetzt werden sollen.

Man kann schärfere Gesetze durch Schock und Angst provozieren, eine Gesellschaft somit nach rechts rücken.

Genau das wird in Norwegen aber nicht passieren, denn Stoltenberg betonte sofort, dass der Weg einer offenen Gesellschaft weiter beschritten wird, sich die Politik nicht einschüchtern lässt.

Mutmaßungen gab es auch in Tuscon, doch da stellte sich heraus, dass der Täter alles auf die eigene Kappe nehmen muss.

In Oslo geht man inzwischen von (zumindest) zwei Tätern aus, was auch der Ablauf nahelegt, denn es wird wohl mindestens einer weiteren Person bedurft haben, das Auto im Regierungsviertel zu platzieren.

Norwegen wird gerne oberflächlich als eine unserer vergleichbaren multikulturelle Gesellschaft gesehen.

Tatsächlich haben Gruppenbildungen, Hierarchien und die Abgrenzung von anderen aber nicht den Stellenwert, den sie bei uns noch immer haben.

Wenn man die Gesellschaft in einem Satz beschreiben wollte, müsste man sagen "in Norwegen sind Kinder Menschen".

Bereits die Kleinsten werden ernstgenommen und respektiert, man erklärt Kindern alles und traut ihnen das zu, was sie bewältigen können.

Dies auch in Zeiten, als Kinder in Österreich noch gegängelt wurden mit Sagern wie "ein braves Kind gefragt nur spricht".

In Norwegen ist also die Chance für Menschen größer, zu reifen Erwachsenen zu werden.

Zu Menschen, die bei Schwierigkeiten nicht gleich aufgeben, die nicht verbittert werden, wenn etwas nicht gleich klappt.

Die auf Neues mit Neugier reagieren, statt sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie sie andere Menschen vertreiben könnten.

Das sollte uns allen zu denken geben....

 

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