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Plädoyer für die Alte Welt

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Wie kommt es, daß man wenig von arabisch-sprechenden oder muslimische Denker ab dem 15. Jh hört, in der Form wie Europa sie kennt: Luther, Giordano Bruno, Erasmus, Spinoza, Bacon, Hobbes, Descartes, uva.

Klar ist, daß wir die Europäische Tradition und den Humanismus den Anfängen des Islams zu verdanken haben. Ohne Averroes würden wir Aristoteles nicht kennen."

"Aber was ist danach passiert?"

So die berechtigte Frage eines Lesers.

Nun, die islamische Welt ist in der Tat ab dem 16. Jahrhundert in den Tiefschlaf versunken; als der letzte Große gilt Ibn Chaldun (bis 1406).

Das osmanische Reich war zum einen eher nach Europa hin orientiert, zum anderen nicht unbedingt berühmt für seine intellektuellen Leistungen.

Ein Historiker kann hierzu gewiss fundiertere Antwort geben, aber für den Osten war auf jeden Fall Hulägu, der Mongole, eine Katastrophe, der hat bis nach Nordafrika hinein vor allem kulturell alles platt gemacht.

In der Folge erlebten der Maghreb und das maurische Spanien ihre intellektuelle Blüte.

Es folgte das im arabischen Bereich eher schludrig verwaltete osmanische Reich, für das man dort nicht viel übrig hatte, und dann die Kolonialzeit.

Am Niedergang mitgewirkt haben dürfte auch der Sieg der Orthodoxie mit ihrem Vorherbestimmungsglauben und ihrem "bi-la kayf", "ohne wie": denk im Zweifel nicht über den Sinn der (göttlichen) Gesetze nach, sondern befolge sie (wenn vom Islam immer eine Aufklärung verlangt wird: die hatte er längst hinter sich).

Aber ich hab da noch eine Hypothese; klingt auf den ersten Blick lächerlich.

Der Kabarettist Jürgen Becker sagte vor etlichen Jahren über Köln: "Der Kölner ohne Imis (Immigranten) erstickt in seiner klerikalen Pampe."

Tatsächlich war Köln im Mittelalter eine der mächtigsten, blühendsten, freiesten und reichsten Städte.

Dann döste man so'n bisschen, dann kamen Reformation und dreißigjähriger Krieg, hielt man sich raus, über die Mauer kam kein Fremder, und in der Folge igelte man sich gemütlich so ein, bis Napoleon schier einen Wutanfall bekam über das versiffte Kaff, das sich ihm darbot, in dem es keine nächtliche Straßenbeleuchtung gab, weil das gegen Gottes Einrichtung der Natur verstieß; dafür waren 1/3 der Bevölkerung Bettler, die teils recht, teils schlecht von Almosen lebten und sich im Nichtstun übten.

Jetzt denke man mal an China.

Riesenreich, mit die älteste Kulturnation der Menschheit, wurde erst von den Europäern teilweise kolonialisiert und dann von dem vergleichsweise popeligen Inselvolk Japan besiegt und quasi versklavt.

Die unterschiedlichen islamischen Reiche, die sich relativ früh bildeten, waren eigentlich nicht das Problem.

Doch insbesondere nach der Reconquista schotteten die sich ab.

Gegen Ungläubige sowieso, gegeneinander, weil, die vertreten ja 'ne andere Richtung des Islam; bah.

Die Türken galten ihnen als dumme Barbaren, waren also auch bah, die Kolonialisten erst recht ... und im 20. Jahrhundert schrieb Saint-Exupéry, dass Generationen von Morgenländern im Schmutz lebten, ohne dass es sie störe - obgleich die islamische Welt erst den Kreuzfahrern beigebracht hatte, dass Sauberkeit eine Zier ist.

Es ist nicht das einige Reich und es sind nicht die Kriege, die den Intellekt anstoßen.

Der deutsche Sprachraum brachte Höchstleistungen, als er politisch total zersplittert war und sich für die damalige Zeit relativ wenig bekriegte - wenn wir mal vom Dreißigjährigen absehen.

Es ist der beständige Austausch, das beständige sich gegenseitig Befruchten.

Wer sich abschottet, versinkt eben in der eigenen Pampe.

Seit Anfang des letzten Jahrhunderts öffnet der islamische Raum sich zunehmend.

Das erste, was eindrang, war Marx.

War in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts recht populär.

Wobei die Ägypter, da gab es meines Wissens die lebendigsten Kommunisten, mit Marx Religionsfeindlichkeit kein Problem hatten.

Meinten, was die Christen beträfe, da habe Marx Recht, aber Islam sei anders.

Mit der Entkolonialisierung und Nationalisierung des Erdöls streben die vielfach wieder ungeheuer nach Wissen, in erster Linie natürlich Technologie, aber es gibt auch schon wieder Dichter, Musiker und Philosophen.

Vielleicht sollte man mal Sarrazin in die arabischen Länder schicken, zu den besseren Familien, da würde er sich wundern, was da für eine kopfstarke junge Elite heran wächst.

Wenn ich deren Wissenshunger sehe, krieg ich graue Haare ob unserer eigenen Jugend, von denen viele zwar hart arbeiten, aber eigentlich nur, weil sie sonst keine Chance auf einen Job haben, also nicht aus Hunger, sondern aus Zwang.

Und die irgendwie, von ihren auf den Job bezogenen Spezialitäten abgesehen, so dolle nicht sind. Was aus Amerika in Massen rüber kommt, ist im wesentlichen Trash-Kultur, deren einziger Wert ihr Warenwert ist.

Find ich ekelhaft.

Und Europa selbst?

Gibt es da was, was einen vom Hocker reißt, ob im Kunst, Musik, Dichtung oder Philosophie?

Wir sind das, als was wir von anderen gesehen werden: dekadent, morbide.

Allerdings ist Europas intellektuelles Potential zu wertvoll, als dass man es kampflos aufgeben dürfte.

Wir sind ein saugutes altes Kulturvolk.

Spenglers These, wonach Hochkulturen nach ihrer Blütezeit im Fellachentum versinken, überzeugt mich nicht.

Ich denke, wir brauchen mehr Austausch mit fremden Kulturen, mehr Befruchtung.

Da hat der Orient immer noch einiges zu bieten, an dem wir unseren Intellekt abbeißen können.

Profitieren wir beide von: die haben paar Jahrhunderte Tiefschlaf nachzuholen und wir brauchen frische, provozierende Ideen.

Hat eigentlich paar Jahrtausende lang bestens funktioniert, denn gemeinsam bilden wir die Alte Welt.

Von daher denke ich, es ist in unserem ureigensten Interesse als Europäer, den Traum von der globalisierten Weltherrschaft eines westlichen Wirtschaftsimperiums qua 'Clash of Civilisations' nicht mitzuträumen, denn der bringt uns als Kulturraum um die Ecke.

 

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