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Deutsche Leitkultur?

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Die CDU ist auf der Suche nach ihren Wählern und beschwört aus diesem Grunde die deutsche Leitkultur.

Es scheint, dass dem Kampf um die Mitte, der leider nicht zu gewinnen war, nun der Kampf um die deutsche Leitkultur folgt.

Vielleicht ist es auch der Versuch eine Phase der Restauration einzuleiten, um die generelle Windrichtung für die Konservativen zu optimieren.

Wie auch immer.

Ok, schauen wir uns doch jetzt einmal die deutsche Leitkultur an.

Laut CDU-Programm auch christlich-jüdische Leitkultur genannt.

Zunächst muss man feststellen, dass Bestandteil dieser Kultur zu sein, vor Verfolgung nicht schützt, wie wir aus unserer jüngeren Vergangenheit wissen.

Dies als schwacher Trost für alle Mitbürger islamischen Glaubens, die aus dieser Definition ausgeschlossen sind.

Was aber ist typisch deutsch?

Zum Zwecke der Annäherung an diese schwierige Frage werden wir ruhig etwas phänomenologisch, ein typisch deutscher Begriff übrigens.

Die Frage muss lauten, wie beschreibt man uns Deutsche.

Dabei meine ich nicht den Deutschen an sich, weil das nicht phänomenologisch ist.

Der Deutsche an sich ist eher eine a priori Kategorie, einfach ausgedrückt, ein Vorurteil.

Er ist ordentlich, sparsam, fleißig, häuslich, perfektionistisch, diszipliniert und im Durchschnitt nicht so hübsch anzusehen.

Die Deutschen aber im phänomenologischen Sinne leben innerhalb der Grenzen eines Landes, welches sich Deutschland nennt und teilen eine Sprache mit verschiedenen Dialekten.

Genau an dieser Stelle hört es aber auch schon auf mit der einheitlichen Phänomenologie, weil genau dann die ganzen Unterschiede kommen.

Die Deutschen bestehen nämlich aus unterschiedlichen sozialen Schichtungen und Gruppierung sowie unterschiedlichen deutschen Herkunftsstaaten, die alles andere als einheitlich sind.

Wir sind eine Mixtur.

Nehmen wir zunächst einmal den beschreibenden Schichten-Ansatz.

Hier gibt es mindestens neun soziale Schichtungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Am ehesten dürften die Konservativen und die traditionsverwurzelten Schichten zur CDU tendieren.

Zusammen sind das etwa 21% der Bevölkerung.

In diesen Schichten finden wir einen Altersschwerpunkt jenseits der Sechzig und niedrige bis gute Vermögensverhältnisse.

Man stelle sich die Bevölkerungsmehrheit eines sauerländischen oder bayerischen Dorfes vor und rechne diese auf den Bundesschnitt hoch.

Hier finden sich besonders dankbare Rezipienten der Leitkulturdiskussion, wie sie zurzeit von der CDU/CSU-Spitze eingestielt wird.

Übrigens voll konträr zu unserem Bundespräsidenten, der ja auch zu einer ganz anderen Schicht gehört.

Christian Wulff muss zu den Etablierten gezählt werden, die etwa 10% unserer Bevölkerung ausmachen.

Eine Oberschicht, die sich als selbstbewusste Elite gibt und über höchste Bildungsabschlüsse und Einkommen verfügt.

Durchaus flexibel, lösungsorientiert und durchsetzungsfähig.

Allerdings auch mit höchsten Ansprüchen in Bezug auf Lebensplanung, Individualität und Luxus.

Von denen würde sich keiner mit den Konservativen in ein Wohnzimmer setzen und über den Untergang der deutschen Leitkultur schwadronieren.

Allerdings würden sie eine solche Diskussion auch nicht bekämpfen, sondern gelassen fördern, so es ihren Zwecken dient.

Ich persönlich bin der Meinung, dass Wulff einfach aus Versehen das Falsche gesagt hat und seine ausgezeichnete Rede längst bereut.

Ganz im Gegensatz zu Leuten wie Jürgen Trittin.

Denen geht die giftige Leitkulturdebatte nämlich voll gegen den Strich.

Sie gehören zwar auch zur Elite, jedoch zu einer anderen, als Christian Wulff.

Sie verstehen sich als Postmaterielle, womit die aufgeklärten nach-68er gemeint sind, die ihr Leben zwar durchaus an Leistung, Wohlstand und Luxus orientiert haben, aber nicht um jeden Preis.

Toleranz ist der höchste Wert bei den Postmateriellen, die man analog zur Wählerschaft der Grünen etwa mit 10% der Gesellschaft beziffern könnte.

Das viel beschworene Multi-Kulti-Ideal kommt direkt aus dieser Schicht.

Außerdem sind diese Leute unerhört unabhängig in ihrem gesellschaftlichen Denken bis hin zur Eigenbrödelei.

Sie sind aus Prinzip jung, auch dann, wenn sie schon über siebzig Jahre auf dem Buckel haben.

Natürlich sind sie ausgesprochen intellektuell.

Wahrscheinlich die intellektuellste Schicht, die wir in Deutschland haben.

Wir finden hier garantiert keine CDU-Wähler, weshalb diese Schicht bei der Leitkulturdebatte nicht berücksichtigt werden muss.

Was Angela Merkel ja auch nicht tut.

Ganz anders sieht es bei der bürgerlichen Mitte aus. Menschen, überwiegend zwischen dreißig und fünfzig Jahren mit mittleren Einkommen, Angestellte, Beamte und Facharbeiter.

Mit etwa 16% keine unwichtige Schicht, allerdings weithin überschätzt.

Man bezeichnet diese bürgerliche Mitte auch als statusorientierten modernen Mainstream.

Neben Bildung und beruflichem Erfolg ist der Status der eigentliche Inhalt dieser Schicht, die an ihren oberen und vor allem unteren Rändern ständig bröckelt.

Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist hier besonders verbreitet.

Das Sicherheitsbedürfnis ist hoch.

Deshalb ist es sehr einfach, in dieser Schicht Angst zu verbreiten.

Egal ob Terrorismus, Rezession oder Überfremdung, diesen Leuten macht eigentlich fast alles Angst.

Deshalb sind sie sowohl gegen Atomkraftwerke, als auch gegen Ausländer, wenn diese nicht aus Dänemark kommen.

In dieser Schicht ist man politisch unentschieden zwischen SPD und CDU/CSU.

Der Kampf um die bürgerliche Mitte tobt daher in jeder Wahlschlacht mit allen erdenklichen Tricks und Kniffen.

Gern macht man diesen Leuten, denen es um Gleichgesinnte in Sportverein und Freundeskreis geht, Furcht vor Überfremdung, aber ebenso gern auch vor dem aggressiven Kapitalismus, der sie in eine existentielle Krise stürzen kann oder vor einem Atomunfall und ungesundem Essen.

Wirklich politisieren kann man diese Schicht aber nicht und die Identität bleibt vage.

Solche Schichten finden wir in allen Ländern und sie wachsen mit dem Wohlstand, ohne zu sehr dazu beizutragen.

Eine Allerweltsschicht der Daheimgebliebenen also, die man aber nicht als typisch deutsch bezeichnen kann.

Die Leitkulturdebatte zielt dennoch besonders auf diese Schicht, die sich von der Lobbypolitik der CDU/CSU-FDP-Koalition immer stärker abwendet.

Da es im modernen Mainstream besonders stark um Anpassung geht, hat man für die so genannten Integrationsverweigerer natürlich überhaupt kein Verständnis.

Das politische Interesse reicht aber nicht aus, um zu erkennen, dass es sich bei der Integrationsverweigerung mit 3,6% der Migranten um ein statistisch nicht relevantes Problem handelt.

Eine ebenso hohe Zahl finden wir bei deutschen Langzeitarbeitslosen, womit diejenigen gemeint sind, die sich gegen eine Arbeitsaufnahme wehren.

Auch Integrationsverweigerer.

Zusammen mit den Integrationsverweigerern ausländischer Herkunft sind das in absoluten Zahlen ausgedrückt etwa 300 000 Menschen, also 0,38% der Gesamtbevölkerung, die uns jährlich etwa drei Milliarden Euro kosten, also so viel wie ein verbreitetes Kopfschmerzmedikament, dessen Namen ich hier nicht nenne.

Es wäre also schön, wenn diese Leute wieder ans arbeiten kämen.

Medial und politisch ist das Thema aber hoffnungslos überbewertet.

Bei den übrigen gesellschaftlichen Schichten ist es leider mit dem politischen Interesse auch nicht so toll.

Da wären noch die modernen Performer.

Sehr junge Leute unter Dreißig, die sich vor allem unkonventionell fühlen wollen, es aber in aller Regel nicht sind.

Es sind die Leute, die man auch als Trendys bezeichnet.

Sie sind ständig auf der Suche nach dem neuesten Trend, der ihnen das Gefühl gibt, IN, zu sein.

Politisch gehören sie meist zu den Nichtwählern, sie orientieren sich wenn sie gerade nichts anderes vor haben, eher an Westerwelle und der FDP, fühlen sich aber davon abgestoßen, dass die FDP ihr Image als Spaßpartei eingebüßt hat.

„Sex and the City“ ist eine Art Ideologie in dieser Schicht und zugleich die eigentliche politische Aussage der jungen Performer, die permanent um Selbstvermarktung bemüht sind.

Man kann einfach jeden Scheiß reden, wenn man nur gut dabei aussieht.

Auch diese Schicht kommt in allen Ländern vor, bleibt also ohne spezifische deutsche Akzente.

Mit 9% aber ein beachtliches Wählerreservoir für die FDP, wenn sie nur unpolitisch genug daher kommt.

Ganz unpolitisch wird es bei den Konsum-Materialisten und den Hedonisten.

Beide Schichten mit jeweils 11% wären zusammen eine Partei, wenn es eine solche Partei nur geben würde.

Am ehesten kann hier noch die Linke punkten.

Wohlstand für alle, ist ein Motto, welches sich sowohl die Konsum-Materialisten, als auch die Hedonisten auf die Flat-TVs schreiben lassen würden.

Eigentlich sind die Konsum-Materialisten prima für den Binnenmarkt, weil sie alles Geld, das sie nicht haben, sofort ausgeben.

In den USA produziert diese Schicht Kredit-Karten-Blasen, die bis heute noch nicht geplatzt sind.

Man hat wenig zu verlieren und viel zu gewinnen.

Das Bildungsniveau ist gering und die Einkommen dementsprechend.

Die Hedonisten haben noch eine kleine Besonderheit.

Sie geben sich gern rebellisch.

Schließlich ist ein gemeiner Spielverderber, der auf die Rückzahlung von Krediten pocht.

Die Lebensfreude hat immer noch Priorität.

Regeln werden von Hedonisten nicht gern gesehen.

Der Kapitalismus ist nur in seiner Funktion als Füllhorn erwünscht und natürlich nicht als Markt, an dem man seine Arbeitskraft verkaufen muss.

Somit befinden sich in dieser Schicht anteilig viele zufriedene Langzeitarbeitslose, die dem dummen Staat schon den einen oder anderen kleinen Luxus abgeluchst haben.

Politisch wie gesagt eher bei den Linken zu verorten und daher für eine Leitkulturdebatte nicht geeignet.

Dennoch bilden sie den gesellschaftlichen Bodensatz aus dem auch faschistische und rassistische Gewalttaten kommen.

Diese allerdings wesentlich weniger politisch motiviert, als man meinen möchte.

Auch diese Schicht ist ubiquitär und setzt außer Bier, Currywurst und einem gelegentlichen Hitlergruß keine typisch deutschen Akzente.

Als Schmankerl zum Schluss habe ich mir die Experimentalisten aufbewahrt.

Mit 8% keine große Schicht, aber dafür flexibel in jeder Richtung.

Leben in Widersprüchen heißt das Motto.

Eine Lifestyle-Avantgard, die man schwer fassen kann, weil sie absolut individualisiert ist.

Das Leben ist ein Experimentierkasten, in dem auch die Politik vorkommen kann, meistens aber nicht vorkommt.

Für politische Fragen sind diese Leute viel zu selbstbezogen.

Sie sind jung und probieren alles aus.

Multioptionalität verhindert die Festlegung auf eine politische Richtung.

Es handelt sich hier nicht um die klassische Wählerschaft von Volksparteien, so dass die Wählerstimmen, sofern sie überhaupt abgegeben werden und dann auch noch gültig sind, im übrigen politischen Spektrum landen.

Wo genau, das kann keiner wissen.

Diese 8% der Bevölkerung finden sich ebenfalls in allen Wohlstandsländern der Welt und können für die Definition einer deutschen Leitkultur leider nicht herangezogen werden.

Das Einzige, was vielleicht als typisch deutsch bezeichnet werden könnte ist ihr hemmungsloser Egoismus.

Nach dieser Betrachtung drängt sich die Frage auf, was deutsche Leitkultur heute überhaupt ist?

Wir können uns der romantischen Sicht der Konservativen anschließen oder die Ängstlichkeit und den privaten Gemeinsinn der bürgerlichen Mitte zur Definition heranziehen.

Wir könnten auch den Materialismus und die Statusfreudigkeit einiger Schichten bemühen.

Aber etwas typisch Deutsches kommt dabei trotzdem nicht heraus.

Ich halte die deutsche Leitkultur daher für ein Phantom, so man nicht auf den romantischen Idealismus des neunzehnten Jahrhunderts rekurrieren möchte.

Es gibt keine deutsche Leitkultur, nichts, was diesen Namen verdienen würde.

Jetzt möchte ich zum Abschluss die Frage stellen.

Wie soll sich ein Mitbürger mit arabischen Wurzeln auf diese Leitkultur, die eigentlich nur ein schwarzes Loch ist, einstellen?

Richtig, er nimmt seinen eigenen kulturellen Hintergrund und erklärt diesen zu seiner Leitkultur.

Genau das würde ich an seiner Stelle auch machen!

Vielleicht würde ich noch sehen, dass ich mich in eine der beschriebenen Schichten integriere, wenn ich mich nicht zu sehr davon abgestoßen fühle.

In jedem Falle würde ich mich von der jetzigen Debatte ausgesprochen belustigt fühlen, oder beängstigt, weil es dabei nämlich um etwas geht, was eigentlich gar nicht geht.

Integration in ein Traumbild.

Das Phantom der deutschen Leitkultur ist genauso unrealistisch, wie die Multi-Kulti-Gesellschaft.

Nichts desto trotz scheint mir eines an der Debatte richtig zu sein.

Die Leute sollen gefälligst arbeiten gehen, wenn sie vermittelbar sind.

Aber dies bitte mit einem gesetzlichen Mindestlohn, denn sonst zahlen wir alle dauerhaft drauf!

 

 

 

 

 

 

 

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