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Deutschland zwischen Integration und Desintegration

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Die Welle um integrationsunwillige Immigranten ist noch nicht abgeklungen, da beeilt sich nun auch die SPD noch ein paar starke Formulierungen zu finden.

Die Äußerungen Gabriels wirken vor allem oberflächlich.

Der Ruf nach Sanktionen gegen so genannte Integrationsmuffel taugt bestenfalls als Beruhigungsmittel für deutsche Stammtische. Es hat überhaupt nichts von einem Konzept oder einer zukunftsweisenden Integrationsdebatte.

Ich will hier keine neuen Beispiele für Integrationsprobleme bringen. Davon gab es in letzter Zeit genug. Starke Worte bis hin zum unverhohlenen Rassismus des Herrenmenschen Sarrazin (SPD) haben wir auch genug gehört.

Jetzt geht es darum das Sinnvolle zu tun.

Integrationsmuffel gibt es nämlich überall. Von Frankfurt an der Oder bis Frank furt am Main, von Flensburg bis Rosenheim.

Integrationsmuffel sind Türken, Araber, Russen und Millionen von Deutschen.

Integration bedeutet, sich zu einer gemeinsamen Gesellschaft zusammen zu finden, mit klaren Regeln für Teilhabe, aber auch mit klaren Regeln für Toleranz.

Wer die Wertmaßstäbe seiner eigenen Bevölkerungsgruppe, ob Mehrheit oder nicht, für das Maß aller Dinge erklärt, handelt intolerant und schadet unserem Land.

Deutschland wird weder zum Land der Minarette noch russisch orthodox noch katholisch noch evangelisch, auch nicht atheistisch.

Deutschland wird zu einer Weltgesellschaft. Dies aus gutem Grund.

Denn das deutsche Erfolgsrezept ist schon lange nicht mehr die heimische Scholle, sondern der Internationalismus.

Deutsche Unternehmen verdienen ihr Geld überall auf der Welt.

Das deutsche Bildungssystem zieht Menschen aus aller Welt an und deutsche Forschung ist dementsprechend zur internationalen Forschung geworden.

Zu sehen in jeder Universität und in jedem Forschungsnetz.

Die deutsche Medizin ist führend in der Welt.

Hier arbeiten Araber neben Japanern und Kirgisen an neuen Heilmethoden, und keiner kann sagen, dass dies schlecht für unser Land ist!

Wenn all diese Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Religionen gut zusammen arbeiten und leben sollen, dann brauchen wir dafür keine deutsche, sondern eine internationale Leitkultur.

Diese Kultur kann Werte beinhalten, die wir Deutsche teilen.

Werte beispielsweise, die in unserem Grundgesetz festgeschrieben sind, welches wir allerdings nicht selbst erfunden haben.

Wir haben es bei anderen Ländern abgeschrieben. Das ist auch gut so. Denn sonst ständen wir jetzt nicht da, wo wir jetzt international stehen, an der Spitze.

Mit Verlaub gehören zu unseren Werten weder Gewalt, noch Alkoholismus, keine Prostitution und kein Drogenhandel.

Die Probleme haben wir seit jeher im Land, auch ohne Ausländer und Immigranten.

Zu unseren Werten gehören auch nicht Zwangsverheiratungen und religiöse Hasspredigten.

Schließlich gehören auch das Faustrecht, organisierte Kriminalität und graue Märkte nicht zu unseren Werten, genauso wenig wie Steuerhinterziehung, Betrug, Geldwäsche und Korruption.

Gegen all diese Probleme muss mit rechtsstaatlichen Mitteln vorgegangen werden.

Gerne mit größerer Konsequenz und Härte, als bisher. Gerne durch bessere Ausstattung und Finanzierung der Polizei und der Justiz.

Auf keinen Fall mit der Bundeswehr im Inneren.

Denn dies gehört auch nicht zu unseren Werten.

All diese negativen Erscheinungen wurden im Zusammenhang mit der Integrationsdebatte plötzlich zu Argumenten, Integrationsmuffel härter anzugehen.

Ein entgleistes Denken, weil diese Probleme unabhängig von der nationalen Herkunft unserer Mitbürger auftreten.

Die verschiedenen Formen von Kriminalität sind viel eher schichtspezifisch, wobei in der Oberschicht mehr betrogen und korrumpiert, die Prostitution gefördert und bestimmte Drogen, wie Kokain konsumiert werden, während unten in der Gesellschaft der Alkohol, die Gewalt und die Verletzung von Selbstbestimmungsrechten von Frauen, Arbeitnehmern und der Sozialbetrug dominiert.

Diese Probleme zu erklären, erfordert keine Integrationsdebatte.

Es erfordert viel eher eine Debatte über die Moral in unserer Gesellschaft, welche tatsächlich gelitten hat! Sowohl oben, als auch unten und in der Mitte sowieso.

Die Werte des internationalisierten Deutschlands ließen sich dabei so einfach formulieren:

Bei Kriminalität und Gewalt kann es keinerlei Toleranz geben.

Ein harter Rechtsstaat also.

Für die Andersartigkeit von Menschen muss es eine hohe Toleranz geben. Ebenfalls garantiert durch einen harten Rechtsstaat.

Integrationsmuffel ist ein Schlagwort einer intoleranten Gesellschaft, welches nichts und alles besagt.

Es kann sich auch auf unsere Kinder beziehen, die sich nicht in der Schule integrieren wollen.

Solche Begriffe müssen genauso geächtet werden, wie die rassistischen Thesen, mit denen Thilo Sarrazin hausieren geht.

Zwangsverheiratung ist ein Verbrechen, vergleichbar der Vergewaltigung und gehört mit allen Mitteln auf die Anklagebank gesetzt und verurteilt.

Zwangsverheiratungen sind aber kein Argument, traditionelle moslemische Familienstrukturen aufbrechen zu wollen und diese in Bausch und Bogen für unmenschlich zu erklären. Dies führt zur Kriminalisierung ganzer ethnischer Gruppen. Die Visitenkarte einer intoleranten Gesellschaft.

Natürlich sollten wir etwas gegen Gettos tun.

Der Begriff Parallelwelt gehört allerdings nicht dazu, da wir in Deutschland eine Fülle von Parallelwelten haben, die sich weder verhindern lassen, noch verhindert werden sollten. Denken wir nur an jugendliche Subkulturen, die wir schon immer hatten.

Das geht nicht spannungsfrei ab, in den siebziger Jahren haben sich viele brave Deutsche über die langhaarigen Penner aufgeregt, die ihre Kinder waren.

Heute sind das überwiegend anständige Bürger, die unserem Land wichtige Dienste erwiesen haben.

Gettos aber haben etwas mit Verarmung und fehlender gesellschaftlicher Teilhabe zu tun.

Verarmung deshalb, weil kein Mensch auf die Idee käme, Villenvororte wie Hamburg-Blankenese oder Berlin Dahlem als Gettos zu bezeichnen.

Menschen gleicher Schichtzugehörigkeit ziehen sich an.

Ein Getto aber ist ein Ort, aus dem es für unterprivilegierte Schichten kein Entkommen gibt.

Gettos entstehen durch einen sozial desintegrierten Kapitalismus, der immer größere Bevölkerungsanteile in der Armut zurücklässt.

Dagegen müssen wir in der Tat etwas tun, egal ob es sich um Deutsche oder Türken handelt.

Daher könnte man das eigentliche Problem unserer Gesellschaft auch als Desintegration bezeichnen. Desintegration wird durch gesellschaftliche Umwandlungs- oder auch Verfallsprozesse erzeugt.

Beispiele für Desintegration sind Verfall von Wertvorstellungen, Auflösung von traditionellen Familienstrukturen, Zersplitterung von Erwerbsbiografien durch Flexibilisierung und Ökonomisierung der Gesellschaft, der Verfall des Bildungssystems, mit dem wir uns immer stärker konfrontiert sehen, Verarmung von Bevölkerungsgruppen, Verfall demokratischer Strukturen, wie Parteien oder Organisationen der Zivilgesellschaft, wie Gewerkschaften und Kirchen.

Der Versuch einer Restauration, d.h. Wiederherstellung solcher Strukturen ist meistens zum Scheitern verurteilt und ist aus einer Entwicklungsperspektive betrachtet auch nicht die richtige Antwort.

Besser ist es die Individuen zu stärken, die in einer solchen Situation ihren Weg finden müssen und die gesamtgesellschaftlichen Klammern zu vergrößern.

Für ersteres ist eine Bildungsoffensive erforderlich zu den gesellschaftlichen Klammern gehört, das Sozialsystem auszubauen und nicht abzubauen.

Außerdem sollte die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen dadurch gestärkt werden, dass er Pflichten übernimmt.

Dazu gehört ein soziales Pflichtjahr für alle, die am Anfang ihres Erwerbslebens stehen.

Was früher die Bundeswehr war, wird bald das Pflege- und das Gesundheitsystem sein. Eine gesellschaftliche Herausforderung ersten Ranges, der sich eigentlich niemand entziehen dürfte.

Desintegration stellt jedoch auch eine Chance dar.

Sie schafft Platz für neue gesellschaftliche Zusammenhänge.

Dazu gehört auch ein Deutschland mit vielfältiger ethnischer, kultureller und nationaler Zusammensetzung.

Der Blick auf Menschen, die in unserer Kultur nur sehr bedingt ankommen wollen, verstellt uns gleichzeitig die Sicht auf die Immigranten, die unser Land erheblich bereichern.

Dies ist nicht nur kulinarisch gemeint und schon gar nicht auf den Obst- und Gemüsehandel bezogen.

Wir haben viele Künstler und Kreative aus anderen Ländern, die bei uns leben, Wissenschaftler, Forscher und Mediziner auch und gerade aus der arabischen Welt.

Einige von ihnen sind gläubige Moslems, andere nicht.

Auch Umstrittenes kann bereichern.

Wenn man sich die jungen Türkinnen anschaut von denen viele ihre Kopftücher ohne jeden Gestus der Unterdrückung tragen, dann könnte man auf die Idee kommen, dass es auch für uns Deutsche gut wäre, zu einem weniger sexualisierten Frauenbild zu kommen.

Das Verhüllen kann in modischen Maßen seinen Reiz haben, wenn es nicht durch Unterdrückung erzeugt wird.

Viele junge türkischstämmige Frauen schneiden im Bildungsbereich sehr gut ab.

Bei den jungen Männern ist dies etwas weniger der Fall, was zu einer Krise der türkischen Männer, die in Deutschland leben, durchaus passen würde.

Übrigens gab es solche Krisen in vielen Ethnien und Nationen.

In Finnland dauerte es Jahrzehnte, bis die Männer sich an das veränderte Selbstbewusstsein ihrer Frauen anpassen konnten.

Möglicherweise wächst hier unter deutsch-türkischen Kopftüchern etwas heran, was nicht ganz ohne emanzipatorische Sprengkraft ist.

In einem Interview berichtete ein junger Mann, dass die deutschen Türkinnen ihm viel zu gebildet und emanzipiert seien, weshalb er sich lieber eine Frau aus Anatolien wünschen würde.

Wie solle er sonst mithalten?

Wie solle er seine Führungsrolle in der Familie einnehmen, wenn ihm seine eigene Frau überlegen sei?

Welches Frauenbild man auch haben mag.

Tatoos, Piercings und Bauchfrei-Mode haben wenig mit Emanzipation zu tun.

Eher mit einem unklaren Selbstbild und einer unsicheren Weiblichkeit.

Wenn sich eine junge türkischstämmige Deutsche lieber mit einem schicken Kopftuch aufwertet, dann geht das in Ordnung. Dies zu akzeptieren erfordert nicht viel Toleranz.

Starten wir also mit viel Bildung, viel Toleranz und einem unbeugsamen Rechtsstaat in unsere internationale Zukunft.

Die Aufgabe der SPD ist es, auch die Leute mitzunehmen, die noch nicht erkennen können, wohin sich unser Land bewegt, dass wir ein internationalisiertes Einwanderungsland sind und werden.

Man sollte diesen Menschen die Ängste nehmen, auf keinen Fall aber sollte man ihnen nach dem Munde reden!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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