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Die Bildungschipkarte - eine Glosse?

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Nehmen wir einfach mal an, diese Chipkarte führe nicht zu einer Diskriminierung von Kindern aus Hartz IV-Familien.

Und nehmen wir weiterhin einmal an, es würden damit keine Bewegungsprofile erstellt werden können, wie uns Frau von der Leyen zu versprechen versucht.

Zudem stellen wir jetzt einmal die Befürchtung zurück, dass Kinder und Jugendliche aus Hartz IV-Familien mit diesen Karten einen regen Handel betreiben könnten, wie unsere Arbeitsministerin Frau Schröder befürchtet.

Nehmen wir das alles mal als gegeben hin, so bleiben noch immer einige Fragen offen.

In diesen Behauptungen steht es geschrieben:

Es gibt sie – diese Hartz IV-Familien.

Offiziell bestätigt gibt es nun keine Familienmütter oder -väter, die Hartz IV beziehen, keine alleinerziehenden Mütter oder Väter, die Hartz IV benötigen, um ihre Kinder durchzubringen – nein, es sind Hartz IV- Familien, deren jüngste Sprosse so gewieft sein können und werden, mit diesen Chipkarten zu handeln.

Dies wäre mit einer gesunden Portion Zynismus immerhin als Lernerfolg im Sinne der Nationalökonomie zu betrachten.

Weiterhin steht dort, dass es Bewegungsprofile gibt.

Bewegungsprofile, die die Daten aus diesen Karten zwar nicht nut zen können dürfen, die aber zweifelsohne vorhanden sind, da sie sonst keine Erwähnung gefunden hätten.

Gut, wir alle wissen, dass über uns Bürger alle möglichen Protokolle erstellt werden.

Ob Bewegungsprotokolle oder Unbeweglichkeitsprotokolle, mit denen jeder Hartz IV-Empfänger immer dann konfrontiert wird, wenn er sich schwer damit tut, sich auf Arbeitsplatzangebote in 400 km Entfernung zum Wohnort zu bewerben.

Die Bildungschipkarten sollen davon ausgeschlossen werden.

Das ist für die Regierung kein Problem, denn es sind Chipkarten, die nur dort genutzt werden können, wo es unserer Regierung ankommt.

Bei Bildungsangeboten, die dem Staat genehm sind.

In Schwimmbädern, Bibliotheken oder für Nachhilfe, um nur drei Anlaufpunkte zu nennen.

Also an Orten, wo ein Staat, der die Bildung seiner Kinder umso höher schätzt, je mehr sie die Nationalökonomie fördert.

Bildung darf nicht nur staatskonform sein.
Damit ein Staat mündige, freie und kritische Bürger heranbildet, muss diesen auch Kreativität, Querdenken und zudem ein gewisses Quantum an Revoluzzertum beigebracht werden.

Ein gesunder Staat braucht immer ein Potenzial Andersdenkender, wie Deutschland es vor vielen Jahren in der Apo, bei der Bildung der Grünen oder in Adorno und Marcuse hatte.

Hätten sich Adorno, Marcuse, Ohnesorge und Reiser im Schwimmbad, bei der Nachhilfe oder in Bibliotheken getroffen?

Wohl auch. Aber nicht allein.

Sie wären womöglich auch dorthin gegangen, wo ein anderes Leben herrscht.

In Kneipen, in besetzte Häuser; sie hätten politische Querulanten besucht und und und.

Sie hätten evtl. auch ein paar Flaschen Bier mitgeschleppt oder andere staatsunkonforme Drogen.

Vielleicht hätten sie ihr knappes Geld auch für Tee oder Kaffee und Kuchen ausgegeben.

Getroffen hätten sie sich jedoch immer dort, wo eine Chipkarte nicht mehr gewesen wäre, als ein schnödes Stück Plastik.

Alle diese Treffen hätten Geld gekostet, die damals wie auch heute nicht mit einer Chipkarte zu begleichen waren und wären.

Somit könnte diese Chipkarte sogar einen Hoffnungsschimmer in sich tragen.

Wer kein Geld für das Schwimmbad mehr ausgeben muss, kann dieses ja für kleine harmlose, aber bildende Revoluzzertreffen verwenden.

Dieser Jugendliche könnte kulturelle Veranstaltungen besuchen, wie das Wacken Open-Air, er könnte Raven, er könnte sich die Songtexte der Bloodhound-Gang kaufen und seine kommunikative Kompetenz innerhalb seines Umfeldes stärken, Selbstsicherheit erlangen und den Mut gewinnen, sich in anderen Feldern herumzutreiben.

Ja, dieser Hoffnungsschimmer wäre vorhanden bestünde nicht in höheren Kreisen jene Angst vor dem Mut dieser Unterschicht und eben dieser nachweislich höheren kommunikativen Kompetenz.

Nicht der, der eine gewähltere Sprache spricht, besitzt diese Kompetenz, sondern der, der sich öfter klarer ausdrückt.

Jemand, der sich im Treppenhaus eines Wohnkolosses mehrmals täglich gezwungen sieht, andere zum Schweigen zu bringen und dabei die zwei Worte „halt´s Maul“ effektiv einzusetzen weiß, hat eine höhere kommunikative Kompetenz, als jemand, der in der Ruhe und Betulichkeit einer Vorstadtsiedlung einmal monatlich über die Pflege der Bürgersteige fachgerecht und gewaltfrei diskutieren muss.

Was lernen nun Kinder und Jugendliche beim Besuch dieser Büchereien, Nachhilfeschulen oder Bibliotheken?

Ruhe und Betulichkeit unter dem strengen Blick der Obrigkeit.

Mögen es eine Lehrerin, ein Bibliotheksangestellte oder eine Bademeisterin sein, oder ihre männlichen Kollegen.

Sie lernen brav zu sein, leise und gewaltlos.

Sie lernen das, was ein Kind und ein Jugendlicher nicht ist – ein Untertan zu sein.

Und all das lernen sie nun mit einem neuen Druckmittel.

Dem Druckmittel des moralischen Gejammers als neue Waffe der staatlichen oder wohlmeinenden Bediensteten.

Wer kann sich nicht daran erinnern, wie stark der Druck war, wenn die Eltern mit enttäuschtem Blick die Augen senkten und gleichzeitig den Finger erhoben und diese zwei Sätze sprachen:

„Warum hast du das nur getan? Wir geben uns doch solche Mühe für dich.“

Und das tut der Staat.

Er klopft nicht mehr an die Wohnungstüren an, um zu überprüfen, ob sich dort vielleicht ein paar böse Jugendliche zu einer konspirativen Sitzung versammelt haben – nein – er hebt den moralisierenden Finger und fragt mit trauriger Stimme

„Warum nur? Wir tun doch alles für dich.“

Da kann ich nur hoffen, dass so mancher dieser Jugendlichen seine kommunikative Kompetenz nutzt und einfach sagt:

„Halts Maul“.

Uwe Koch

 

 

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