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Ein Land ohne Haupt

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Es war ja schon abzusehen, dass Horst Köhler zur tragischen Figur werden könnte. Nun ist er es endgültig.

Seit seiner Wiederwahl stand er in der Kritik. Erst sagte er zu wenig, dann sagte er Nichtigkeiten und am Ende sagte er eindeutig zu viel.

Man könnte sagen, dass er, wie kein anderer Bundespräsident zuvor, in seiner zweiten Amtszeit in der Kritik stand. Jetzt zog er die Konsequenzen.

Was ist Köhler eigentlich zum Verhängnis geworden?

War er soviel schlechter, als Andere vor ihm?

Ich denke an Leute wie Carstens oder Lübke. Darüber ließe sich nun trefflich streiten.

Ich vertrete aber die These, dass Köhler nicht schlechter war.

Er war nur der falsche Mann für diese Berliner Republik.

Vor zwanzig Jahren hätte sich die Kritik an ihm nicht derartig zuspitzen können.

Der Bundespräsident war heilig und er wurde auch, das ist der Unterschied zu heute, nicht aus der Reserve gelockt.

In Deutschland ist erstmals in der Nachkriegszeit eine politische Führungskrise voll auf den Bundespräsidenten durchgeschlagen.

Die Vorwürfe des unbeteiligten Rückzuges haben ihn in eine Führungsrolle hineingezwungen, in der er qua seines Amtes, gar nicht zu sein hatte.

Der Bundespräsident repräsentiert das Land, er führt es nicht politisch.

Genau in diese politische Rolle hat er sich kurzzeitig bringen lassen.

Heraus kamen ein paar hochbrisante Äußerungen mit genau der kapitalistischen Ehrlichkeit gesprochen, welche die Bundeskanzlerin bisher erfolgreich vermeiden konnte.

Wir leben nicht nur in einer Krisenzeit, wir leben auch in einer Zeit der kognitiven Dissonanzen.

Die Schere zwischen dem was politisch korrekt gesagt und dem anderen, was aus angeblichen oder wirklichen kapitalistischen Sachzwängen heraus getan wird, ist weit auseinander gegangen.

Der Afghanistan-Einsatz wird immer noch routinemäßig mit moralischen Argumenten verteidigt.

Während geostrategische Interessen der westlichen Industrienationen, die vielleicht zum größeren Teil die Motivation darstellen, in Afghanistan zu bleiben, schlicht verschwiegen oder gar verleugnet werden.

Der Einmarsch im Irak und in Afghanistan hatte wesentlich mehr mit Rohstoffen, als mit Massenvernichtungswaffen und Terror-Lagern zu tun.

Geradezu paradox unehrlich wird es, wenn wir die Wut über die Erpressung durch die Finanzmärkte, welche auch der Bundeskanzlerin ins Gesicht geschrieben stand, mit den Milliarden-Zahlungen abgleicht, durch die wir den Finanzmarkt stabilisiert und die Gewinne der Banken gerettet haben.

Größer kann die Spaltung von Reden und Handeln nicht ausfallen.

Kein Finanzinstitut wurde bisher ernsthaft in Haftung genommen, aber jedes Finanzinstitut konnte sich unter unsere Rettungsschirme flüchten.

Auch die Deutsche Bank, welche durch unsere Bürgschaften immer noch gewaltig profitiert, weil sämtliche Pleiten, die wir verhindert haben, sei es die HRE oder die Commerzbank oder Opel oder jetzt Griechenland zu gewaltigen Verlusten bei der Deutschen Bank geführt hätten.

Übrigens nicht nur bei der Deutschen Bank, sondern auch bei der Allianz und anderen Konzernen.

Bitter für die Kanzlerin, wenn der Verhandlungsführer und Profiteur Ackermann sich dann vor die Presse stellt und stolz erklärt, er brauche unser Geld nicht.

Auch Herr Ackermann ein Berufs-Schizophrener?

Es scheint fast so.

Aktuell ist es Mode, zu lügen und zu verleugnen, dass sich die Balken biegen.

Auch der ehemalige IWF-Mann Köhler hat diese ungeheuerlichen Vorgänge nicht annähernd angemessen kommentiert. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde sein Schweigen auffällig.

Derzeit kassieren die Finanzmärkte ab und wir wissen nicht mehr, ob wir mit all den Schulden noch unsere Schulen, Kindergärten und Universitäten bezahlen können.

Wenn dies kein Riss ist, weiß ich nicht, was uns sonst noch in der Mitte durchtrennen könnte.

Die Solidarität zwischen deutscher Finanz- und Exportwirtschaft auf der einen Seite und dem Rest des Landes auf der anderen Seite ist faktisch aufgehoben oder existiert nur noch wegen unserer Angst, die von der anderen Seite schamlos ausgenutzt wird.

Denn die Deutschen fürchten um ihre Spareinlagen und Arbeitsplätze und sie wissen, dass sie abhängig von den großen Finanzinstituten sind.

In dieser Zeit verkündet uns die Kanzlerin bestenfalls symbolische Siege, wie das Verbot von nicht gedeckten Leerverkäufen und die geplante Einführung der Transaktionssteuer, während der Finanzmarkt mit Milliarden gefüttert wird, welche die Regierung sich auf dem Geldmarkt ausleiht und die wir, unsere Kinder und Kindeskinder mit Zinsen und Zinseszinsen zurückzahlen müssen.

Wenn das keine Führungsschwäche ist, was dann?

Nun könnte sich die Kanzlerin ja auch wie ihr Vize hinstellen, mit den Achseln zucken und sagen, so ist halt der Kapitalismus.

Da müssen eben die dekadenten Hartz-IV-Empfänger den Gürtel enger schnallen.

Stimmt, denn an die systemrelevanten Banken und Autokonzerne kommen wir nicht mehr heran. Die sitzen auf dem Schoß aller Regierungen dieser Welt.

Was Westerwelle predigt ist, denen einfach noch mehr Geld in den Rachen zu stopfen. Solange bis sie zufrieden sind, wieder funktionieren und ein neuer Aufschwung uns neues Geld in die Kassen spült.

Leider fällt inzwischen auf, dass die Crashs an der Börse sich regelmäßig wiederholen und somit auch ein neuer künstlicher Aufschwung durch einen noch größeren Crash wieder in die roten Zahlen führt.

Zwei Schritte vor und drei Schritte zurück. Wir sacken ab.

Merkel gibt sich moderat kämpferisch und spricht vom Primat der Politik über die Wirtschaft.

Genauso gut könnte sie aber das Primat der Moral über den Mammon beschwören.

Das würde auch keiner mehr glauben. Denn tatsächlich sitzen die Ackermänner auf ihrem Schoß.

Kaum einer in der politischen Klasse rebelliert noch gegen die faktische Unmoral der aktuellen Zustände.

Aber historisch ist mal wieder alles stimmig. Deutschland befindet sich in einer Systemkrise, wie seit der Weimarer Republik nicht gesehen und darüber fallen nicht die Täter, nicht die Versager und nicht die Lügner.

Nein, darüber fällt das ganze Land.

In diesem Sinne hat der Rücktritt des Bundespräsidenten, aus welchen wirklichen Gründen auch entschieden, doch etwas sehr symbolisches.

Deutschland nicht nur kopflos in der Krise, sondern jetzt auch noch enthauptet.

Irgendwie klingt vieles nach Weimarer Zeiten.

 

 

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