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Unsere Probleme mit den drei A

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Arbeit, Ausländer, Afghanistan Wir Deutschen haben zur Zeit ein paar Probleme die mit A anfangen.

 

Meistens sind Probleme mit A irgendwie ungemütlich, weil man sich bei solchen Themen schnell wie ein A fühlt, so man sich ehrlich dazu äußern möchte.

Das Problem mit der Arbeit ist eigentlich ein Dauerbrenner.

Die Zeiten der Vollbeschäftigung, die wir in den fünfziger und sechziger Jahren hatten, waren eigentlich nicht normal und wohl eher ein Ergebnis der Tatsache, dass wir zehn bis zwanzig Jahre zuvor, als das brutalste Killervolk Europas insgesamt 20 Millionen Russen, 6 Millionen Juden und viele andere Menschen umgebracht haben.

Natürlich zählte dazu auch unsere eigene Bevölkerung, wobei nach dem Krieg insbesondere die arbeitsfähige, männliche Bevölkerung dünn gesät war.

Kurz unser Aufschwung traf auf einen Mangel an Arbeitskräften.

Das war schon unsere ganze Vollbeschäftigung, denn bereits in den siebziger Jahren trafen uns die ersten Wellen der Arbeitslosigkeit, ohne dass sich bis heute etwas daran geändert hätte.

Nur, dass uns die Vollbeschäftigung der damaligen Zeit immer noch als destruktives Ideal nachhängt, als ob dies der einzige erstrebenswerte Zustand für Deutschland wäre.

Damals in den Sechzigern, erinnern sich viele von uns, war die Vollbeschäftigung eher ein Problem. Wir brauchten dringend ausländische Arbeitskräfte, um wirtschaftlich wachsen zu können.

Damit fing unser zweites Problem mit A an. Wir holten Ausländer ins Land und brachten diese als Industriearbeiter an unsere Fließbänder. In der Freizeit lebten unsere „Gastarbeiter“ meist in billigen Massenunterkünften und träumten von ihren Heimatländern.

Das hätte nach Meinung vieler Deutscher auch so bleiben können.

Schließlich waren wir diesen Umgang mit ausländischen Arbeitskräften aus der Zeit der Zwangsarbeiter und Arbeitslager gewohnt.

Viele Deutsche fühlten sich wieder als Herrenmenschen und konnten sich gar nicht vorstellen, selbst irgendwo Ausländer zu sein. Die Welt wurde rein aus der deutschen Brille betrachtet.

Es folgten zwanzig Jahre eines äußerst überheblichen Umgangs mit unseren ausländischen Mitarbeitern. Aber als wirkliches Problem erschienen die Ausländer vielen Deutschen nicht. Schließlich machten sie die Drecksarbeit. Wer hätte sich da beschweren wollen?

Dann kam die Zeit des zweiten Wirtschaftswunders unserer Republik Helmut Kohl hatte uns Anfang der achtziger Jahre den Aufschwung versprochen und irgendwie klappte es.

Die Arbeitslosigkeit erwies sich als robust und stieg auch während des Wirtschaftswachstums mäßig weiter.

Wir hatten Anfang der achtziger Jahre zwei bis drei Millionen Arbeitslose.

Die meisten von uns landeten in den beiden Jahrzehnten bis zur Jahrtausendwende im fettesten Wohlstand, welches unser Land je gesehen hatte.

Neben den wirtschaftlichen Zugewinnen durch Erfolge der Exportwirtschaft gingen in diesen Zeiten auch viele Erbschaften von Generation zu Generation und viele wurden schnell und unverdient reich.

Es war Partytime! Die Spaßgesellschaft war noch im vollen Gange, als sich schon die eigentlichen Gegentrends unseres Erfolges abzeichneten.

Der Staat fing an Schulden zu machen, die nicht mehr recht überschaubar waren.

In der ersten Industriekrise der siebziger Jahre fing die Schuldenspirale langsam an, sich zu drehen.

Mit der Deutschen Einheit erreichte sie ihren vorläufigent;> Höhepunkt.

In der jetzigen Finanzmarktkrise eskalieren die Schulden ins Unermessliche.

Mit der Schuldenspirale haben wir den Wohlstand verpfändet, den unsere Elterngeneration erarbeitet hat und nehmen zugleich einen unüberschaubaren Kredit auf die Arbeitsleistung der nächsten Generationen auf.

Der zweite Gegentrend der Spaßgesellschaft war die ansteigende Arbeitslosigkeit. Das Problem war allerdings nicht die absolute Zahl der Arbeitslosen, sondern die Struktur.

Wir haben in den neunziger Jahren neue soziologische Begriffe geprägt.

Einer davon beschreibt die Doppelverdiener ohne Kinder, die es tatsächlich zu einem erheblichen Wohlstand gebracht haben.

Die DINKIS (Double Income No Kids) waren keinesfalls nur die höchst qualifizierten, sondern kamen genauso bei den einfachen Angestellten vor.

Man könnte fast sagen, dass es ein Trend war, der sich durch die gesamte Gesellschaft hindurcharbeitete.

Im Ergebnis stieg die Beschäftigungsquote an, ohne dass die Arbeitslosigkeit zurückging.

Gleichzeitig sank die Geburtenrate bei den Deutschen.

Gerade viele Migrantenfamilien, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebten, waren von dieser Strukturveränderung des Arbeitsmarktes betroffen.

Wo sich in den achtziger Jahren noch Deutsche und Türkische Arbeitnehmer die Arbeitsplätze geteilt haben, die in etwa vergleichbarer Qualität in Bezug auf Sicherheit, sozialer Ausgestaltung und Bezahlung aufwiesen, kam es in den Neunzigern zu einem sozialen Kontinentaldrift zwischen Deutschen und Migranten.

Die Migranten verloren die hochwertigen Arbeitsplätze, die vor allem an deutsche Doppelverdiener gingen.

Hinzu kam, dass viele Migrantenfamilien auch nach Jahrzehnten in Deutschland noch im Bildungsniveau hinter den Deutschen zurückblieben.

Wer das heutige Bildungssystem kennt und sich an die Pisa-Ergebnisse erinnert, kann sich vorstellen, dass es eine echte Katastrophe ist, im Bildungsniveau hinter den Deutschen zurückzubleiben.

Dann ist man wirklich nicht gut!

Schließlich wurde der soziale Abstieg vieler Migrantenfamilien in die Langzeitarbeitslosigkeit durch unsere eigene Ignoranz beschleunigt oder zumindest nicht aufgehalten.

In den fetten Jahren haben wir das Problem einfach ignoriert.

Jetzt fällt es uns auf die Füße.

Einhunderttausend Arbeitslose mehr belasten unseren Haushalt mit Mehrausgaben von zwei Milliarden Euro pro Jahr.

Bei einer Million sind es dann schon zwanzig Milliarden pro Jahr.

Wir haben also ein sattes Strukturproblem am Arbeitsmarkt. Mit erheblichen finanziellen Folgen.

Wären die Arbeitslosen in ihrer Herkunft und Qualifikation genauso wie der Rest der Gesellschaft geschichtet, wäre eine Arbeitslosenzahl von vier Millionen wohl kaum ein Problem für uns.

Freigesetzte Arbeitskräfte stellen schließlich ein erhebliches Wachstumspotential dar.

Vollbeschäftigung ist eher ein Hindernis für weiteres Wachstum.

Leider finden sich in den Arbeitslosenregistern aber keine harmonischen Schichtungen, sondern vor allem unsere gesellschaftlichen Problemgruppen wieder.

Hierzu gehört auch das so genannte Prekariat.

Ein furchtbarer Begriff. Nach einem Jahrhundert des Proletariats kommt nun das Prekariat.

Ich habe den Verdacht, dass sich große Teile des ehemaligen Proletariats jetzt im Prekariat wieder finden.

Ich weiß nicht genau, da geht es mir wie den meisten, wie man diesen Begriff definiert.

Aber prekär bedeutet wohl, dass Menschen extrem schlecht verdienen, oder aber gar nichts verdienen.

Verantwortlich dafür ist, wenn man den Politikern glaubt, der Bildungsmangel.

Ich glaube den Politikern aber nicht. Deshalb vermute ich, dass der Strukturwandel unserer Wirtschaft dafür verantwortlich ist.

Ungebildete Leute gab es schon immer, aber noch nie wurden diese Menschen so konsequent vom Arbeitsmarkt abgehängt oder zu Hungerlöhnen beschäftigt.

Wie auch immer, schlecht ist jedenfalls nicht die Arbeitslosigkeit an sich, sonder die Art der Arbeitslosigkeit, die wir haben. Sie grenzt an Perspektivlosigkeit und das können wir Deutsche nun gar nicht vertragen.

Wir sind ein Arbeitsvolk.

Ich hoffe, dass dies der Grund für die zahllosen Ausrutscher von Politikern in letzter Zeit ist.

Es war hoffentlich kein Zynismus, sondern die Verzweiflung, Menschen nicht in Brot und Lohn bringen zu können, die zu dem abwertenden und teilweise faschistischen Umgang mit unserem Proletariat geführt hat?

Andernfalls müssten wir hier nämlich wieder die typisch deutsche Arbeitsmentalität thematisieren, die von „Arbeit macht frei“ in den Vierzigern über „Zu faul zu arbeiten“ in den Siebzigern bis zu „Sozial ist was Arbeit schafft“ in den Zweitausendern reicht und sich im Prinzip in den letzten 100 Jahren nicht wesentlich verändert hat.

„Wert ist nur wer Arbeit hat!“.

Eine ganz böse deutsche Fehleinstellung!

Leider auch überhaupt nicht mehr zeitgemäß!

Denn wir werden uns immer mehr auf eine Flexicurity-Situation einstellen müssen.

Die Leute werden flexibler und mit viel Unterbrechungen am Arbeitsleben teilnehmen, mal besser und mal schlechter bezahlt.

Arbeitslosigkeit gehört dazu.

Das ist die Flexibility.

Damit dies alles im sozialen Rahmen stattfindet und nicht zu einer katastrophalen Verarmung führt, werden wir unsere Sicherungssysteme anpassen müssen.

Das ist die Security.

Sonst haben wir bald einen Wirtschaftsabschwung auf dem Binnenmarkt, der uns in den Ohren klingelt, wie eine Achterbahn.

Den Wohlstand können wir nicht mehr allein aus der Arbeit schöpfen.

Wir müssen das Kapital beteiligen, in erheblich größerem Umfang als zuvor.

Kapitalbeteiligung also einmal andersherum.

Das Kapital beteiligt sich am Sozialstaat.

Der Sozialstaat gewährleistet dafür die Flexibilität der Arbeitskräfte.

Kündigungsschutz ade!

Das wird so kommen müssen, aber nur unter der erwähnten Sozialisierung des Kapitals (nicht falsch verstehen bitte).

Faktisch werden wir uns an eine höhere Sozialleistungsquote in unseren Haushalten gewöhnen und dafür Subventionen für die Wirtschaft streichen müssen.

Aktuell zahlen wir immerhin jährlich zwanzig Milliarden Wirtschaftssubventionen, auch ganz ohne Finanzkrise.

Das letzte A mit dem wir Deutschen Probleme haben, steht für Afghanistan.

Wie gesagt, wir sind ein Arbeitsvolk.

Wir heiligen unsere Arbeit und machen unseren Wert davon abhängig.

Wir sind aber keine Krieger mehr!

Vielleicht sind die Amerikaner und Engländer Krieger, wir aber nicht!

Ganz zu Recht hat die Mehrheit unserer Bevölkerung dieses Empfinden, dass wir in einem Angriffskrieg ob mit oder ohne Mandat nichts zu suchen haben.

Dies ist keine Frage der Vernunft, sondern eine Frage der Identität.

Unsere Identität ist friedlich.

Wir sind, um noch einmal die Bienensprache zu bemühen, Arbeiter und keine Soldaten!

Selbst wenn wir Waffen entwickeln und produzieren, dann ist das in unserem Empfinden für die blöden Leute, die sich gegenseitig damit umbringen wollen, aber nicht für uns! Dies ist, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, für mich ein sehr, sehr positiver Teil der Deutschen Identität.

Wir haben unsere Lektion wenigstens in diesem Punkt gelernt.

Raus aus Afghanistan und nie wieder ein Angriffskrieg, dass ist fast schon Konsens in Deutschland, nur unsere Regierungen haben das noch nicht verstanden.

Noch nicht einmal die aus der SPD.

Schließlich sind viele Deutsche der Meinung, dass wir unsere Rolle in der Nato noch einmal gründlich überdenken sollten.

Tun wir also einmal etwas mit D, D wie Deutschland, oder Denken, oder vielleicht auch Dichten, denn damit haben wir seit Jahrhunderten keine Probleme.

Das können wir!

 

 

 

 

 

 

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