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Für wen kämpft Guido Westerwelle eigentlich?

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Viele Menschen aus der Mittelschicht fürchten sich vor dem Absturz in die Armut! Gerade für Arbeitslose aus der Mittelschicht bedeutet HartzIV der Absturz ins Bodenlose!

Im Programm der FDP gibt es keine solidarischen Konzepte für Leistungsträger, die ihre Arbeit verloren haben. Stattdessen bedient sie die Interessen einer „dekadenten“ Oberschicht!

Westerwelle ist in den letzten Tagen sehr heftig geworden, in seiner Kritik an einem angeblichen sozialistischen Kurs unserer Gesellschaft.

Wider Willen hat er den Diskurs dadurch noch angefeuert und sich selbst zur Zielscheibe gemacht.

Er sieht die Leistungsträger und Steuerzahler in unserem Land bedroht, es scheine nur noch Steuerempfänger zu geben, über die Steuerzahler spreche kaum noch einer.

Daher möchte ich als Steuerzahler hier das Wort ergreifen und den Diskurs noch mehr anheizen. Am besten bis der Deckel abfliegt!

Ja, ich bekenne, dass ich zu den benachteiligten Steuerzahlern gehörte, für die Guido sich einsetzen will. Ich bin angestellter Arzt mit einem mittleren Einkommen!

Jahrelang habe ich als Single meinen Steuerbauch vor mir hergetragen und bin von einer kalten Progression in die andere gerauscht.

Das war schlimm! Meine schlimmsten Zeiten waren allerdings unter der Regierung Kohl, da habe ich am meisten bezahlen müssen.

Seit der Regierung Schröder fühle ich mich zunehmend geschont und belohnt.

Ein paar Jahre hatte ich sogar genug Geld, um es an der Börse zu verzocken.

Ich lebte mit meiner ebenfalls deutschen Freundin in wilder Ehe.

Auch sie hatte ein mittleres Einkommen.

Wir waren DINKIS!

Für die, welche den Begriff noch nicht kennen:

DINKIS sind Partner ohne Kinder, die beide über ein eigenes Einkommen verfügen. (Double Income No Kids!)

Dreimal im Jahr in den Urlaub? Kein Problem!

Alle zwei Jahre ein neues Auto? Kein Problem!

Eigentumswohnung? Kein Problem!

Unsere Hobbys waren: Fallschirmspringen, Fliegen, Segeln. Kein Problem! Wir hatten auch ein schönes Ferienhaus im Ausland. Alles völlig problemlos.

Ich war ein Mitglied der Spass-Gesellschaft!

Dann kam die Midlife-Crisis!

Keine Kinder, Langeweile, Sinnfrage völlig unbeantwortet! Trennung!

Zwei-drei Jahre lang war ich SINGLE. Ich lebte ein wenig über meine Verhältnisse, wunderte mich aber oft darüber, wie viel mein Konto so aushält.

Richtig arm bin ich in der Zeit nicht geworden, obwohl ich viel Geld zum Fenster heraus geworfen habe.

Aber die Kaufkraft, die ich als DINKI hatte, die war natürlich nicht mehr da.

Ich musste nun alles alleine bezahlen.

Dann kam meine jetzige Frau und mit ihr kamen die Kinder! Zwei hat sie mitgebracht, eines haben wir noch bekommen.

Nun sind wir fünf Leute, eine stattliche Familie!

Obwohl ich Alleinverdiener bin und meine Frau, die auf dem Arbeitsmarkt nur Billig-Jobs für 4,70 Euro die Stunde angeboten bekommt, nicht arbeitet, kommen wir über die Runden.

Meine teuren Hobbys sind natürlich erledigt.

Auf der anderen Seite kann ich aber nicht über eine hohe Steuerlast klagen.

Ganz im Gegenteil! So wenig Steuern wie jetzt, habe ich in meinem ganzen Arbeitsleben noch nicht bezahlt!

Vielleicht bin ich ja so eine Art „Hans im Glück“, aber ich fühle mich als Steuerzahler von der Gesellschaft nicht über den Tisch gezogen.

Ich fühle mich gut behandelt!

Einen BMW X3 kann ich mir allerdings nicht leisten, unsere Wohnung sieht ein bisschen nach IKEA aus und die Urlaube mussten wir auch einschränken.

Aber sonst ist alles in Ordnung.

Meiner Frau geht es dabei nicht ganz so gut.

Sie möchte gern arbeiten, hat aber keinen Beruf, der gefragt ist.

Bei der Arbeitsagentur wird sie wie ein Schmarotzer behandelt, obwohl sie gar keine Leistungen beantragt hat.

Wir bezahlen unseren Lebensunterhalt schließlich selbst und sind auch privat krankenversichert.

Die Jobs, die ihr angeboten wurden, sind teilweise menschenverachtend und sittenwidrig.

Alles ganz offiziell aus der Jobbörse der Arbeitsagentur.

Die Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur wirkte verständnislos, als meine Frau sich weigerte einen Hoteljob für unter 5 Euro pro Stunde anzunehmen.

Ein Stundenlohn auf den sie ohnehin nur dann gekommen wäre, wenn sie ihren Akkord geschafft hätte.

Meine Frau arbeitete dort Probe.

Ein Arbeitsvertrag wurde ihr in Aussicht gestellt, nachdem sie einen Monat zur Probe gearbeitet hätte.

Die anderen Angestellten berichteten, dass sie vom „Hartz-IV-Amt“ zu dieser Tätigkeit gezwungen worden sein.

Alle waren Aufstocker (Hartz IV-Lohnergänzung), obwohl sie teilweise 50 Stunden pro Woche arbeiteten.

Angesichts der Probleme meiner Frau, die nur zu Sklavenbedingungen arbeiten könnte, ist mir eines deutlich geworden:

Der deutsche Riss geht quer durch unsere Familie!

Ich muss mich nun fragen, für wen Guido Westerwelle kämpft?

Für mich? Für meine Frau? Für unsere Kinder?

Für mich muss er nicht kämpfen. Ich werde gut behandelt.

Für meine Frau kämpft er ausdrücklich nicht!

Über unsere Kinder verliert er kein Wort.

Für wen kämpft er also? Für die Steuerzahler, die noch mehr verdienen als ich?

Kämpft er vielleicht für die, die immer noch DINKIS sind und Angst um ihr Ferienhaus haben?

Für wen oder was kämpft Guido Westerwelle?

Vielleicht kämpft Guido ja für meinen Bekannten und seine Frau.

Die sind auch keine DINKIS, haben aber bis vor Kurzem recht gut gelebt.

Ein Häuschen in einem noblen Hamburger Vorort.

Ein großer Geländewagen.

Anteile an einem Bürohaus in Hamburg.

Das Reitpferd war natürlich auch noch drin.

Die Sommerurlaube wurden in der Provence im Ferienhaus der Familie genossen.

Auch er war Alleinverdiener und in der Autobranche beschäftigt.

Durch die Krise ist er aber nun arbeitslos geworden und findet keinen Job mehr.

Das Bürohaus steht zunehmend leer, wird zum Verlustgeschäft.

Die Finanzierung der Familie steht in Frage.

Das Pferd und der Geländewagen sind verkauft.

Das Haus ist kaum zu halten, allerdings als kleine Luxusimmobilie derzeit schwer verkäuflich.

Mein Bekannter ist noch unter vierzig.

Ein nennenswertes Polster hat er nicht.

Damit die Familie Hartz IV bekommen kann, müsste mein Bekannter irgendwie versuchen den Anteil an dem Bürohaus zu verkaufen und dieses Geld erstmal aufzubrauchen.

Aber auch das gelingt ihm nicht.

Also bekommt die Familie auch kein HartzIV.

Beide versuchen nun mit irgendwelchen Billig-Jobs die Familie über Wasser zu halten.

Amerika lässt grüßen!

Eigentlich sind sie jetzt von allen guten Geistern der Republik verlassen!

Die SPD hat ihm das Arbeitslosengeld weggenommen und ihm gleichzeitig den Weg zu HartzIV verbaut, die CDU hält daran fest und die FDP verspricht ihm Steuersenkungen. Klasse!

Nein, für die Verlierer der Spass-Gesellschaft kämpft auch die FDP nicht!

Für wen kämpft Westerwelle also?

Ich glaube er kämpft für die Menschen, denen es noch gut geht und die um keinen Preis etwas von ihrem Wohlstand hergeben möchten, um damit anderen zu helfen.

Er kämpft für die Leute, denen kleine Steuergeschenke wichtiger sind, als Hilfe für Andere, die vom Abstieg bedroht sind.

Mit einem Satz: Westerwelle kämpft für die Dekadenten in unserer Gesellschaft.

Er kämpft nicht für die solidarischen Leistungsträger.

Die würden sich für seine Hilfe auch schön bedanken.

59% der Deutschen sind gegen Steuersenkungen in der jetzigen Situation.

Viele denken, dass wir unser Sozialsystem verbessern müssen, aber nicht die Steuern senken.

Dass wir es mit einem breiten Wohlstandsverlust zu tun bekommen werden, ist auch vielen Menschen aus der Mittelschicht vollkommen klar.

Kaum einer glaubt, dass die Konjunktur durch Steuersenkungen gerettet werden kann.

Was aber Viele, denen es jetzt noch einigermaßen geht, als bedrohlich erleben, ist ein Absturz ohne Netz und doppelten Boden.

Die HartzIV-Gesetze verhindern häufig, dass Menschen die aus der Mittelschicht durch Arbeitslosigkeit abstürzen, effektiv aufgefangen werden.

Der ungebremste Absturz in die Armut wird dort besonders gefürchtet.

Die FDP hat keine Lösungen für diese Ängste der deutschen Mittelschicht.

Damit dies nicht so deutlich wird, flüchtet sich Westerwelle in populistische Stammtischreden.

Er verkennt dabei völlig, dass gerade die junge Mittelschicht, die ihn gewählt hat, ganz real vom Abstieg in bedroht ist.

Gerade die wollen etwas über funktionierende soziale Netze hören und keine Hasstiraden auf HartzIV-Empfänger!

 

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